»Dabei bin ich erst richtig selbst, wenn ich arbeite.« Ilse von Twardowski-Conrat

Melanie Letschnig

Marika Schmiedt hat einen Film über das Leben der Bildhauerin Ilse von Twardowski Conrat
(1880 – 1942) gedreht. Melanie Letschnig hat ihn gesehen.

Ilse von Twardowski, 20iger Jahre                Privatarchiv Vera Kahmann

Ilse von Twardowski, geborene Cohn: Bildhauerin, erfolgreich, voller Eigensinn und in sich widersprüchlich. Regisseurin Marika Schmiedt zeichnet in ihrem neuesten Film das Leben der Künstlerin nach und ordnet
»Dabei bin ich erst richtig selbst, wenn ich arbeite« dem Genre des Lesefilms zu. Und es stimmt – zahlreiche Textpassagen geben Auskunft über das Leben der Twardowski-Conrat, sie stellen jedoch längst nicht das einzige Gestaltungsmittel, mit dem Schmiedt die Biographie der Bildhauerin rekonstruiert.

Zu Beginn sehen wir Fotos, auf denen sie mit von ihr gefertigten Büsten und Statuen posiert, sowie fotografische Portraits, auf denen sie uns stolz anblickt. Schriftlichte Selbstzeugnisse aus dem Nachlass, ein von einer Frau gesprochenes Voice-over, das Details aus dem Leben erzählt, historische Dokumente, die Stimme der Tochter und Schmiedts Besuch biographisch relevanter Orte tragen zur Manifestation der Person Ilse Twardowski-Conrat durch die filmische Gegenwart bei. Das Tempo, das Marika Schmiedt für ihre Text- und Bildeinblendungen wählt, ist rezeptionsfreundlich. Es ist genug Zeit, die schriftlichen Informationen zu lesen und die Bilder zu betrachten, um ein Gefühl für die Protagonistin zu bekommen, deren Durchbruch 1903 mit der Enthüllung einer von ihr gestalteten Büste von Johannes Brahms auf dessen Grab am Wiener Zentralfriedhof stattfindet. Ein Pionierinnenstück, ist Conrat – damals 23 Jahre alt – doch die erste Künstlerin, die in Europa ein öffentliches Denkmal schafft und so international berühmt wird. Bevor es so weit ist, wächst sie privilegiert in großbürgerlichen Verhältnissen im 1. Wiener Gemeindebezirk auf, ihre Eltern pflegen salonmäßig Beziehungen zu Künstler_innen und Intellektuellen wie Alma Mahler, Fernand Khnopff und eben Brahms. Hugo Cohn, der nach der Konvertierung zum Protestantismus den Namen Conrat annimmt, und Ida Conrat, die Ilse als Antisemitin beschreibt, ermöglichen den drei Töchtern eine profunde Schulbildung. Bei Josef Breitner erhält die Älteste Privatstunden in Bildhauerei. Sie ergreift die Initiative und schickt 1898 Fotos ihrer Arbeiten an den Bildhauer Charles van der Stappen nach Brüssel, um sich bei ihm als Schülerin zu bewerben. Er nimmt Ilse Conrat auf – mit dem Hinweis, dass sie nicht bei den Bildhauern (Männerdomäne) unterkommen kann, sondern sich vormittags bei den Malerinnen einschreiben muss und nachmittags mit selbstbezahltem Modell Rundplastik üben darf. Damals schickt es sich für eine Großbürgerstochter nicht, als Single in der Weltgeschichte herumzureisen, dementsprechend tritt Conrat ihren Weg nach Brüssel in Begleitung ihrer Großmutter und deren »Jungfer« an. Allmählich setzt sie ihre Selbständigkeit durch, Arbeit bestimmt ihr Leben und 1901 wird sie auf der Internationalen Kunstausstellung in München mit der Kleinen Goldenen Medaille ausgezeichnet. Prämiert wird ihre Skulptur »Nasse Haare«, eine sinnliche, nackte Frau aus Gips, die, den Rumpf zu einer Seite neigend, das lange, nasse Haar in der einen Hand, mit der anderen Hand ein Tuch aufhebt. In der Presse wird Ilse Conrats Namen nicht genannt. Ein Originalzitat der Künstlerin lässt erkennen, wie das (in diesem Fall diskriminierende) Verschweigen der guten Nachricht ihr Leben prägen wird.

1902 kehrt Conrat nach Wien zurück. Sie gestaltet Grabdenkmäler für Personen des öffentlichen Lebens, außerdem Reliefs und die in München prämierte Skulptur ist in der Wiener Secession zu sehen. Die Teilnahme an der Biennale in Venedig 1905 bildet einen weiteren Höhepunkt ihrer Karriere. 1910 ist ein weiteres aufregendes Jahr für Ilse Conrat.
In London heiratet sie heimlich, still und leise den 30 Jahre älteren, preußischen Offizier Ernst August Dobrogast von Twardowski. Die beiden befinden sich auf Reisen und sind bis zu diesem Zeitpunkt als Onkel und Tante unterwegs. Dies berichtet die Tochter Elisabeth von Twardowski-Kahmann (geboren 1920) in einem Radiointerview. Im selben Jahr wird Ilse Vizepräsidentin der frisch gegründeten Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs, legt das Amt allerdings bald wieder nieder. 1912 wird sie zum Mitglied der Union Internationale des Beaux-Arts ernannt. Die Twardowskis reisen viel, bis Ernst sich mit Ausbruch des 1. Weltkrieges freiwillig in München als Reservist meldet. An diesem Punkt des Films tritt Marika Schmiedt selbst zum ersten und einzigen Mal vor die Kamera. Wir sehen die Regisseurin, wie sie mit einer Rolltreppe aus der U-Bahnstation ins Sonnenlicht fährt, während auf der Textebene die Rede von Frau Schmutterer und ihren Kindern ist, die das Ehepaar Twardowski während der Zeit des ersten Weltkrieges mit Lebensmitteln versorgen und weiterhin in einer »verhängnisvolle[n] Rolle« für Ilse und Elisabeth relevant sein würden.
In dieser Zeit fertigt Twardowski in ihrem Atelier in der Keferstraße in München auch Bildhauereien von gezeichneten Menschen, die Müdigkeit und Resignation ausstrahlen. Außerdem ist sie für die Porzellanmanufaktur Allach in München tätig, die im Nationalsozialismus nach der Enteignung als ideologietreues Unternehmen reüssieren und Zwangsarbeiter_innen ausbeuten wird.

1928 stirbt Ernst Twardowski. Von ihrer Witwenpension kann Ilse gut leben, sie beschließt, nur noch Aufträge für Portraits anzunehmen. Wie die Kinder von Frau Schmutterer ist sie zunächst Fan der nationalsozialistischen Ideologie und sieht darin keinen Widerspruch zu ihrer jüdischen Herkunft. Tochter Elisabeth erklärt diese Sympathie mit der positiven Geschichte, die die Twardowskis mit den Schmutterers verbinden, der Hilfe, die ihnen während der Zeit des 1. Weltkriegs zuteil wurde und der Rolle von Frau Schmutterer als Ersatzoma für Elisabeth. Als Ilse 1935 mitgeteilt wird, dass sie nicht Mitglied der Reichskunstkammer werden könne und ihr die weitere Berufsausübung als »Maler und Graphiker« untersagt wird, fängt ihre Begeisterung für das nationalsozialistische Regime an zu bröckeln. Vor dem Umzug mit Elisabeth in ein Haus im Münchner Stadtteil Waldtrudering verschenkt oder zerstört sie zahlreiche ihrer Kunstwerke. Die Arbeit als sinnstiftende Grundlage der Existenz als Künstlerin, wie es das titelgebende Zitat des Films ausdrückt, wird Twardowski-Conrat entzogen. Sie wählt für sich die innere Isolation als Überlebenstaktik, um das eigene Leben nicht durch die Verbote der Nationalsozialisten zerschlagen zu wissen. Bis sie schließlich 1942 doch zur Zwangsarbeit in der kriegswichtigen Telefon- und Batteriefabrik Kammerer eingezogen wird. Am 8. August erfolgt der zweite Deportationsbefehl. Hans Schmutterer, der Sohn von Mutter Schmutterer und mittlerweile erfolgreicher Nationalsozialist, der sich immer wieder für Twardowski-Conrat einsetzt, kann nichts mehr für sie tun. Dem Appell von Hans‘ Schwester, bei Bekannten unterzutauchen, folgt sie nicht. Am 9. August nimmt sie sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben und entgeht so dem Konzentrationslager. Elisabeth überlebt.

Es sind die aufwändig recherchierte Fülle des Materials und die ästhetische Vielfalt, mit der die Regisseurin Marika Schmiedt die Zuschauer_innen für die Biographie Ilse von Twardowski-Conrat einnimmt. Wie durch eine Ausstellung leiten uns die Pfade, die die Filmemacherin mittels zahlreicher Artefakte arrangiert, um die widersprüchliche Existenz der Protagonistin, die von politischen Umwälzungen geprägten Jahrzehnte ihres Lebens und das ihrer Weggefährt_innen zu einem plastischen Zeitbild zu formen.

Mag.a Dr.in Melanie Letschnig, Univ.-Lektorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
www.versorgerin.stwst.at


BLÄTTERN IM BILDGEDÄCHTNIS
MARIKA SCHMIEDTS NACHDENKLICHER FILM ÜBER ILSE VON TWARDOWSKI-CONRAT
Berthold Molden
www.IlsevonTwardowski

„largest ever pogrom operation in the centre of Athens“

http://en.contrainfo.espiv.net/2012/08/06/greece-6400-migrants-detained-by-police-in-largest-ever-pogrom-operation-in-the-centre-of-athens/
http://blog.occupiedlondon.org/2012/08/05/6400-migrants-detained-by-police-in-largest-ever-pogrom-by-police-in-the-centre-of-athens/

Minister nennt Migrationswelle eine «Invasion»
In Griechenland läuft zurzeit eine Razzia gegen illegale Einwanderer. Die Behörden haben schon 1100 Menschen in ein Lager gesteckt. Der zuständige Minister rechtfertigt die Aktion mit drastischen Worten.
http://bazonline.ch/ausland/europa/Minister-nennt-Migrationswelle-eine-Invasion/story/26187276

Staatsanwaltschaft nach Schülereintrag in Facebook (Stichwort „KZ-Nutten“/“Komplette Zigeuner Nutten“)

LESERBRIEF von Simone Schönett

Zu: Staatsanwaltschaft nach Schülereintrag in Facebook (Stichwort „KZ-Nutten“/“Komplette Zigeuner Nutten“)

Der Begriff „KZ-Nutten“ habe nichts mit Konzentrationslagern oder gar rechtem Gedankengut zu tun. Vielmehr habe er damit nur „Komplette Zigeuner Nutten“ gemeint.

So erklärte es der Schüler, so hörte man das im TV vom Schuldirektor, so las man das in den Medien, und zwar ohne weiteren Kommentar zu dem, was mit „Komplette Zigeuner Nutten“ eigentlich gemeint sein oder worauf das abzielen sollte.

Wie gering Frauen und „Zigeuner“ (schon wieder oder noch immer?) geschätzt werden, lässt nicht nur diese ungeheuerliche Wortschöpfung ahnen, sondern auch die Berichterstattung darüber. Denn abgesehen von der Erwähnung, „Komplette Zigeuner Nutten“, war von Antifeminismus oder gar Antiziganismus natürlich nicht die Rede. Kein Wort darüber. Nicht einmal der korrekte Begriff, Roma, fiel (und schon gar nicht deren enger Zusammenhang mit dem ursprünglich in Facebook geposteten Begriff, nämlich KZ). Sicher, in Bezug auf Roma mangelt es den Nicht-Roma an Geschichtswissen und interkultureller Bildung.
Aber liegt es wirklich nur daran, dass diese Aussage, „Komplette Zigeuner Nutten“, einfach so (kommentarlos) hingestellt werden kann? Beunruhigend genug, wie ungeniert Antiziganismus im Alltag daherkommt. Doch wirklich verstörend, wenn, so wie hier, die „Zigeunerfeindlichkeit“ nicht einmal den politisch Korrektesten auffällt.

http://diepresse.com/home/techscience/internet/727930/KZNutten_Schueler-nach-FacebookNachricht-angezeigt-

„Happy Holocaust“

Video http://www.vice.com/de/vice-news/die-neue-npd

Thinghaus: NPD isst vom „Happy Holocaust“-Grill

Verfasst von Oliver Cruzcampo

Auf dem NPD-Gelände des Thinghauses in Grevesmühlen entdeckte kürzlich eine Reporterin einen Grill mit der Aufschrift „Happy Holocaust“. Darauf angesprochen, reagierte der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster sichtlich nervös. Seine Begründung: Es würde sich lediglich um einen Spaß handeln.

In den vergangenen Monaten machten sich Dutzende Reporterteams auf in den hohen Norden, um Videobeiträge über das sogenannte Neonazi-Dorf Jamel und das Thinghaus in Grevesmühlen zu drehen. So auch eine Reporterin der Online-Video-Plattform „VBS.TV“, die zuerst ein Gespräch mit Anwohnern in Jamel suchte und dann abschließend ein Interview mit dem NPD-Landesvorsitzenden Stefan Köster führen wollte.

Zuvor erkundete die Frau offenbar zum ersten Mal das Gelände des Thinghauses in Grevesmühlen, welches im Frühjahr 2010 seine Pforten öffnete. Eigentümer ist das NPD-Mitglied Sven Krüger, der vor wenigen Wochen gerade zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden ist. Neben dem Palisadenzaun und dem Wachturm fiel die Aufmerksamkeit der Reporterin vor allem auf den dort abgestellten Grill: Auf diesem befindet sich in altdeutscher Fraktur die Inschrift „Happy Holocaust“.

Im Interview mit Köster sprach die Frau den Landesvorsitzenden zunächst auf den Wachturm an. Köster unterbrach die Reporterin abrupt. Es würde sich lediglich um einen „Werbeturm“ handeln, da an ihm immer ein Transparent der NPD befestigt sei. „Im Grunde genommen ist es mehr ein Spielturm für Kinder“, führt Köster weiter aus. „Auf den Turm lassen wir sie aber ungerne hinauf“, ergänzt der 37-Jährige dann aber doch.

Schließlich spricht die Reporterin den Grill auf dem Gelände an. „Denken Sie, es ist eine kritische Auseinandersetzung, wenn man sich einen Grill, auf dem Happy Holocaust steht, in den Hintergarten stellt“, geht die Frage an den NPD-Landesvorsitzenden. Dies bringt Köster für kurze Zeit völlig aus dem Konzept. Erst nachdem er einige Sekunden vor sich hin stammelt, antwortet er lapidar: „Hab ich nicht.“

Er wisse zwar von dem Grill, der dort auch schon länger stehe, allerdings habe er von der Inschrift noch nie Kenntnis genommen. Nach weiterem Zögern findet Köster dann eine mögliche Erklärung: „Vielleicht nimmt da jemand die politischen Repressalien in diesem Land ein bisschen auf die Schippe. Aber das hat sich auch die politische Klasse zuzurechnen, weil hier einfach Meinungen unterdrückt werden. Wenn jemand eine Meinung zum Holocaust hat, kann man doch da die Auseinandersetzung führen, oder nicht?“ Abschließende Frage der Reporterin an Köster: „Finden Sie das witzig?“ Die Antwort des NPDlers: „Pff…pff…pff…nö“.

Ein Grill mit der Inschrift „Happy Holocaust“ – eine ganz spezielle „Auseinandersetzung“ von NPD-Anhängern mit der millionenfachen Ermordung von Juden während des NS-Regimes.

Jeder fünfte junge Erwachsene kennt Auschwitz nicht

Jeder fünfte junge Erwachsene kann einer Umfrage zufolge nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen. 21 Prozent der 18- bis 30-Jährigen weiß demzufolge nicht, dass der Name für ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten steht.

Dies ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins «Stern». Anders sieht es bei den über 30-Jährigen aus: Hier wissen 95 Prozent etwas mit dem Begriff anzufangen. Insgesamt kannten 90 Prozent der befragten 1002 Bundesbürger das Konzentrations- und Vernichtungslager. Etwa jeder Dritte konnte korrekt sagen, dass das Lager in Polen gebaut worden war. Knapp die Hälfte der Befragten hat noch nie eine KZ-Gedenkstätte besucht.
Am Freitag wird in Deutschland und vielen anderen Ländern des Holocausts gedacht.
Das Datum erinnert an den 27. Januar 1945, den Befreiungstag des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Berlin (dpa)