Film »DABEI BIN ICH ERST RICHTIG ICH SELBST, WENN ICH ARBEITE.« 

ILSE von Twardowski-Conrat

Künstlerin, Bildhauerin
1880–1942



73 Min. © 2019

Premiere 12. Oktober 2019, 19:00
GALERIE WERKSTATT NUU
Wilhelm Exnergasse 15
1090 Wien 
www.nuu.at

Blättern im Bildgedächtnis

Marika Schmiedts nachdenklicher Film über Ilse von Twardowski-Conrat

Berthold Molden

Das kunsthistorische Gedächtnis ist, wie alle Sphären sozialer Erinnerung, voller Lücken. Der Bilderreigen künstlerischer Entwicklung bildet ab, was gesellschaftliche Verhältnisse als überliefernswert bestimmen, und lässt andere Beiträge unter den Tisch fallen. Gegen derlei Auslassungen wird mitunter mit lautstarken Gegenerzählungen Einspruch erhoben. Manchmal erfolgt diese Revision der Geschichtsschreibung ganz leise, wie in Marika Schmiedts Film über die Bildhauerin Ilse von Twardowski-Conrat.

Im Wien des frühen 20. Jahrhunderts begannen kunstschaffende Frauen, sich und einander Räume zu erkämpfen. Ausstellungen in der Secession und anderswo sowie, ab 1910, die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) sollten den Rahmen bilden, in dem ihre Arbeiten nicht nur gezeigt, sondern auch tatsächlich wahr- und ernst genommen werden konnten. Unter den Protagonistinnen dieser turbulenten, weil viel aufzuholen habenden Periode war Ilse Conrat eine der umtriebigsten. Eine von der Kunst „Besessene“ sei sie gewesen, heißt es. Wer sich das Werks- und Ausstellungsverzeichnis der Künstlerin, die nach ihrer Heirat 1910 zunehmend als Ilse von Twardowski bekannt war und mal in Wien, dann in Brüssel, dann in Rom auftauchte, vor Augen hält, spürt diese Unrast, die Notwendigkeit zu schaffen, zu arbeiten, um überhaupt „erst richtig ich selbst“ zu sein. Gegen das vorzeitige Ende ihres Lebens hin wurde Twardowski diese Arbeit verwehrt. Die Rassengesetze der Nazis zwangen sie zur künstlerischen Untätigkeit und stattdessen zur beschaulichen Pflege ihres bayrischen Gartens, in dem sie sich 1942 das Leben nahm. Die Beschleunigung der Weltgeschichte hatte sie zur – letztlich absoluten – Aufgabe ihres eigenen Momentums gezwungen.

Marika Schmiedts Film entzieht sich dieser drängenden biographischen Dynamik ebenso wie der immer schnelleren politischen Ereignisabfolge bis hin zur Machtübernahme der Nazis, die Twardowskis Sympathie für ihre Bewegung zurückwiesen und sie schließlich als Jüdin in den Selbstmord trieben. Dieses fast gegensätzlich zu nennende Tempo von Schmiedts Film baut eine eigenwillige Spannung auf. Während die biographischen wie die weltpolitischen Ereignisse sich zu überstürzen scheinen, blättern wir mit Marika Schmiedt im Fotoalbum von Twardowskis Leben und Werk. Über weite Strecken buchstäblich. Dem enormen Fahrtwind der Geschichte – hervorgerufen durch den künstlerischen Aufbruch der Jahrhundertwende, die aus ihrer Unterdrückung in gesellschaftliche Räume drängenden Frauen, die immer radikalere Zuspitzung der ideologischen Konflikte – setzt Schmiedt einen stets gelassenen Rhythmus entgegen. Sie lässt Ilse Twardowski selbst sprechen, aus ihrem Werk, Splittern ihrer Tagebücher und Briefe und mit der Stimme ihrer Tochter. Bewusst hat sie auf Interviews mit ZeitzeugInnen und die Legitimation durch – ohnehin nur schütter vorhandene – kunsthistorische Expertise verzichtet.

Schmiedt begegnete Twardowski im Zuge eines künstlerischen Forschungsprojektes im Archiv der VBKÖ. Als sie den Verstrickungen der VBKÖ mit dem Nationalsozialismus nachspürte, stieß sie auf eine von deren frühen Protagonistinnen, die trotz ihrer Bedeutung als Bildhauerin weitgehend vergessen ist. Nicht nur die VBKÖ, deren Vizepräsidentin sie kurz nach deren Gründung war, gedenkt ihrer kaum. Auch das kunsthistorische Gedächtnis Österreichs ignoriert Twardowski, obwohl ihr 1903 enthülltes Grabmal von Johannes Brahms sie zur ersten Frau Europas machte, die ein Denkmal im öffentlichen Raum schuf. Schmiedt fand im Archiv der Vereinigung Spuren von Werk und Leben Twardowskis, deren Entschlossenheit und Selbstbestimmtheit sie faszinierten.

Bald schon, erklärt Schmiedt, habe sie sich „irgendwie verpflichtet gefühlt“, dieser ambivalenten Künstlerinnenbiographie eine Arbeit zu widmen, „ein Denkmal zu schaffen“. Sie ins Gedächtnis zu rufen. Wem? Uns allen. 2016 kritisierte eine Ausstellung am Wiener Jüdischen Museum, dass die Beiträge jüdischer Künstlerinnen zur Wiener Moderne zu Unrecht vergessenen seien. [1.] 2019 griff eine der beiden Kuratorinnen dieser Ausstellung das Thema mit einer Schau im Belvedere wieder auf, in der auch Arbeiten Twardowskis zu sehen waren. [2.] Eine – von Marika Schmiedt prominent zitierte – Radiosendung des Bayrischen Rundfunks von 1998 und eine nicht publizierte Diplomarbeit standen bisher fast allein als Dokumentation von Twardowskis Beitrag zu dieser Moderne. Twardowski sei „praktisch verschwunden“ aus der Kunstgeschichte, bedauerte die Kunsthistorikerin Julie M. Johnson noch 2012. [3.] Dass dies so nicht mehr stimmt, wird nicht zuletzt Marika Schmiedts nachdenklichem Film zu verdanken sein.

Denn Schmiedts Aufarbeitung lohnt auf vielerlei Ebenen. An Twardowski lassen sich viele, oft scheinbar widersprüchliche Transferlinien dieser Zeit beobachten. Ihre Porträtbüsten sind dem Stil Rodins verpflichtet, dessen Werk von den Schwestern Berta Zuckerkandl und Sophie Clemenceau in Wien eingeführt worden war. Wie die beiden stammte Twardowski aus dem so oft zitierten „großbürgerlich jüdischen Elternhaus“, in ihrem Falle eine zum Protestantismus konvertierte jüdische Familie (die Conrats hatten vorher Cohn geheißen), die nicht direkt in einem Ringstraßenpalais, sondern einen Block entfernt in der Walfischgasse neben der Oper wohnte. Auch sehr vornehm und jedenfalls weit weg von der Realität der vielen jüdischen ZuwanderInnen aus dem Osten der Monarchie, die während des Ersten Weltkriegs nach Wien strömten. Ilses Mutter Ida verließ aus Abscheu vor diesen „Ostjuden“ ab 1918 kaum noch ihre Wohnung. Ilse selbst widmete diesen Vertriebenen zwar 1917 eine Skulptur, dachte und fühlte aber deutschnational und sympathisierte später feurig mit den Nazis. Mit ihrem Selbstmord 1942 kam sie der Deportation zuvor. Ein Leben voller Widersprüche in einer Epoche der Polarisierung.

All das zeigt Schmiedt. Ebenso unaufgeregt wie unaufhaltsam im Album eines Lebens blätternd, nimmt sie die Spuren einer Künstlerinnenbiographie auf und verwebt diese mit der gesellschaftlichen Erinnerung ihrer Zeit. Wie andere Arbeiten von Marika Schmiedt lässt auch dieser Film seine BetrachterInnen verändert zurück. Etwas wird verschoben. Nun ist Ilse Twardowski-Conrat mit einem Mal Teil einer Welt, zu deren polyrythmischem Wahnsinn sie eigentlich immer schon gehört hatte. Paradoxer Weise vollbringt Schmiedt dies mit einem Film wie ein Slow Dance, in dem die Filmemacherin die BetrachterInnen ohne Hast, aber bestimmt durch eine Geschichte der Volten und Kontraste führt.

[1.] „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“. Ausstellung im Jüdischen Museum Wien. 4. November 2016 bis 1. Mai 2017. Kuratiert von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner.

[2.] „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“. Ausstellung im Unteren Belvedere, Wien. 25. Jänner bis 19. Mai 2019. Kuratiert von Sabine Fellner.

[3.] Julie M. Johnson, The Memory Factory. The Forgotten Women Artists of Vienna 1900, West Lafayette: Purdue University Press 2012, S. 6.

Berthold Molden, ist Historiker, der sich mit Aspekten des Kalten Krieges in Europa, Lateinamerika und den USA beschäftigt, insbesondere mit Fragen der Mediengeschichte, kollektiven Erinnerns und öffentlicher Geschichtsdebatten.
www.bertholdmolden.net