Neonazis stürmen Wohnviertel, um Roma zu lynchen

Ausnahmezustand im tschechischen Budweis: Neonazis, angefeuert von „anständigen“ Bürgern, verwandeln ein Neubauviertel in ein Schlachtfeld.
Sie rufen „Sieg Heil!“ und wollen Roma „aufklatschen“.

Von Hans-Jörg Schmidt

Der Superstar der tschechischen politischen TV-Moderatoren, Vaclav Moravec, lud Sonntagmittag wieder die geballte Prager Politprominenz ins öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Der von Präsident Milos Zeman mit der Bildung einer Übergangsregierung betraute Premier Jiri Rusnok musste zum wiederholten Mal erläutern, welche Vorstellungen er hat,
und wie schwer es ihm fällt, geeignete Minister zu finden. Die Sendung „Fragen von Vaclav Moravec“ hat jeden Sonntag Rekordeinschaltquoten.

Halb Tschechien verfolgt sie. Eigentlich eine gute Gelegenheit, auch zu wirklich wichtigen Themen Stellung zu beziehen. Moravec, eine Institution in Tschechien, auf die man hört, verpasst sie einmal mehr. Er hätte die Sendung mit einem Appell beginnen können an seine Landsleute. Einen Appell, dass es jetzt genug sei. Dass es nicht angehe für ein demokratisches Land, dass Woche für Woche Neonazis durch die Gegend ziehen, um Roma-Mitbürger zu lynchen.

Schauplatz eines solchen Aufmarschs am Tag zuvor war Ceske Budejovice (Budweis) in Südböhmen. Mehrere hundert Neonazis waren in die malerische Stadt gekommen, um Roma „aufzuklatschen“. Sie stellten sich an die Spitze eines Protestzuges aufgebrachter Budweiser, die immer wieder Probleme im Zusammenleben mit den Roma beklagen. Der jüngste Anlass war völlig nichtig: zwei Kinder, ein Roma-Kind und eines von „weißen“ Tschechen, waren beim Spielen in einer Sandkiste in Streit geraten, um eine Schippe oder ein Backförmchen. Daraus entwickelte sich ein Wortwechsel der Mütter. Im Nu kamen Dutzende Menschen hinzu und pöbelten die Roma-Mutter an. Aus Prinzip.

Macht derlei die Runde im Land, ist es ein gefundenes Fressen für die Neonazis. Im vergangenen Jahr waren sie regelmäßig im Schluckenauer Zipfel an der Grenze zu Sachsen aufmarschiert. Vergangenes Wochenende tobten sie sich in Duchcov (Dux) aus, jenem Örtchen, in dem der venezianische amouröse Schriftsteller Giacomo Casanova im 18. Jahrhundert seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Jetzt also Budweis.

Neonazis verwandeln Neubauviertel in Schlachtfeld

Das Neubauviertel, in dem 22.000 Menschen leben, darunter nur ein paar Dutzend Roma, glich am Samstagnachmittag einem Schlachtfeld. Hunderte Rechtsradikale lieferten sich mit der Polzei eine massive Straßenschlacht. Die Rechtsradikalen warfen Pflastersteine, zündeten Müllcontainer an und schoben die in Richtung der Polizei.

Dazu brüllten sie Anti-Roma-Parolen wie „Zigeuner ins Gas!“. Die Polizei setzte Tränengas ein, versuchte, die Menge zurückzudrängen, die in das Viertel einzudringen versuchte, um die Roma dort zu lynchen. Angefeuert wurden die Rechten durch „anständige“ Tschechen, die jeden Angriff der Neonazis auf die Polizei mit Johlen und Beifall bedachten. Die Polizei nahm mehrere Neonazis fest.
Es gab Verletzte auf beiden Seiten und erheblichen Sachschaden.

Der Bürgermeister von Budweis hat sich am Sonntag über die Polizei beschwert. Sie hätte sofort eingreifen müssen, als die Rechten mit erhobenem rechten Arm und „Sieg heil“-Rufen durch die Stadt marschiert wären. Die Polizei habe zudem die Ankündigungen der Neonazis auf Facebook ignoriert, in die Stadt zu kommen, um Randale zu veranstalten.

Außenminister Schwarzenberg stellt Werte infrage

Der einzige Politiker in Prag, der sich in jüngster Zeit zu den Rechtsradikalen geäußert hatte, ist Präsident Milos Zeman. Er verwies darauf, dass er nicht ohne Grund schon in seiner Einführungsrede bei seinem Amtsantritt auf die wachsende Gefahr von Rechts aufmerksam gemacht habe. Tschechien müsse sich diesem Problem dringend stellen, mahnte der Präsident.

Der noch amtierende Außenminister Tschechiens Karel Schwarzenberg hatte am Wochenende Zweifel geäußert, dass Tschechien mehr als zwanzig Jahre nach der Revolution wertemäßig schon im Westen des Kontinents angekommen sei.

Auf Facebook erntete der Minister dafür einen shitstorm. Die Leute, die ihn angriffen, waren am Ende genau jene, die die Ereignisse in Budweis auf Facebook mit keinem Wort kommentierten.
http://www.welt.de

Ceske-Budejovice


Czech Republic: Neo-Nazis attempt pogrom on Roma
http://www.romea.cz/

Dokumentiert: Anti-Roma-Marsch am 29.6.2013 geplant

ecoleusti

Wie romea.cz berichtet, droht am kommenden Wochenende, genauer am Samstag, den 29.6.2013 erneut ein Anti-Roma-Marsch, diesmal in der Universitäts- und Brauereistadt České Budějovice (CZ). Hintergrund ist eine Auseindersetzung zunächst von Kindern auf dem Spielplatz und ein anschließendes körperliches Handgemenge der Eltern und anderer Erwachsener. Es ist bislang ungeklärt, was die Ursache des Streits gewesen ist. Der geplante Marsch soll laut Anmeldern auf die Probleme in der Siedlung Máj aufmerksam machen, v.a. aber auf Konflikte mit sozioökonomisch benachteiligten Bewohner_innen, insbesondere Roma.
Nachdem sich die Rassist_innen beim letzten Marsch in Duchcov (CZ) am 22.6.2013 argumentativ aufgrund der Gewaltexzesse ins Abseits katapultiert haben dürften, droht die Anti-Roma-Stimmung erneut angeheizt zu werden.

Wir würden uns daher wieder über eine umfangreiche Beteiligung an den Gegenveranstaltungen aus den Nachbarstaaten freuen. Das Problem heißt nach wie vor Rassismus. Gegen jegliche Ethnisierung von Konflikten und Kollektivschuld!

Czech Republic: Protest this Saturday over alleged problems at housing estate in…

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Reflex: Angreifer auf Journalisten gesucht

ecoleusti

Das Politikmagazin REFLEX (Springer Gruppe) sucht denjenigen, der ihren Reporter Stanislav Krupař bei der Demonstration am 22.6.2013 in Duchcov beim Anti-Roma-Marsch mit einer Glasflasche am Kopf verletzte. Der Marschteilnehmer trägt auf dem Video eine schwarze Sturmhaube sowie ein schwarzes Poloshirt (ohne Kapuze und ohne Aufdruck) sowie eine dunkelblaue, kurze Armeehose. Er agiert scheinbar gemeinsam mit einem anderen Menschen im weißen T-Shirt und auffälligem, bedruckten Mundschutz und Slowakeifahne.

Siehe dazu die folgenden Videos bei reflex.cz und romea.cz sowie dieses Foto vom Teplický deník (ganz links im Bild mit Sturmhaube) und diese beiden Fotos von Stanislav Krupař (Foto 1 & Foto 2) kurz vor dem Angriff.

Weitere Bilder/Videos zeigen den Angreifer ebenfalls, leider jedoch stets mit Sturmhaube:

http://teplicky.denik.cz/galerie/dux-mitinky-dsss-traxler-tp.html?mm=4572953 (links mit Sturmhaube, blauer kurzer Armeehose und schwarzem Poloshirt)

http://teplicky.denik.cz/galerie/dux-mitinky-dsss-traxler-tp.html?mm=4572945 (hier zwischen den Slowakeifahnen)

http://www.youtube.com/watch?v=mq9OkMxGFDU (zu sehen bei 0:22)

http://www.youtube.com/watch?v=kOJ7E_T-TQs&feature=youtu.be (Video das sehr eindringlich das Gesamtszenario dokumentiert: „Krieg in Duchcov 22.6.2013“)

http://www.flickr.com/photos/mf-art/9117053563/in/set-72157634283172379…

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FÜR ALLE BELEIDIGTEN (Causa Baustellenzaun)

Eigentlich ist es kaum zu fassen: Auf Zuruf von in Österreich lebenden ungarischen Nationalistinnen, die noch dazu der rechtsextremen und wirklich grauslichen Jobbik-Partei nahestehen, entfernt und zerstört die Linzer Polizei provokante Collagen der Wiener Künstlerin Marika Schmiedt. Womöglich sogar auf Anweisung des Verfassungsschutzes.
Der Grund: Einzelpersonen fühlten sich, ihr Land, ihren Premier und ihr Volk durch die Kunstaktion beleidigt.
Rassistisch beleidigt wohlgemerkt. Eine Begründung, die an Dreistigkeit wohl kaum zu übertreffen ist, denn die Künstlerin hatte mit der Ausstellung in der Altstadt die allgegenwärtige Diskriminierung der Roma in Europa und auch in Ungarn thematisiert. Ein Anruf einer ungarnnationalen An-wältin beim Verfassungsschutz genügte offenbar, um den Polizeieinsatz zu erwirken.
Während sich die Polizei immerhin entschuldigt hat und ihr die ganze Angelegenheit zumindest etwas peinlich sein dürfte, gibt’s vom Verfassungsschutz freilich keine Stellungnahme und auch in Medien und Politik hielt sich der Aufschrei in Grenzen, sieht man von Falter, Standard und den Grünen ab.
Genug Kandidatinnen für eine Gnackwatsch’n also. Doch diesmal möchten wir’s uns nicht so einfach machen, denn Politik, Polizei und Medien stehen diesbezüglich ja ohnehin ständig Schlange vor unserer Redaktionstüre. Wir wollen in diesem Fall etwas breiter ausholen und deswegen geht die frühsommerliche Gnackwatsch’n an alle «Beleidigten» dieser Welt.
An alle rechten und konservativen Mimoserl, die sich mit missionarischer Leidenschaft einer gekünstelten Aufregung hingeben und glauben, ihre Meinung sei etwas anderes als eben nur eine Meinung. An alle, die behaupten, es gäbe Grenzen, die Kritik nicht überschreiten dürfe, die glauben, was ihnen «heilig» ist, müsse für alle heilig sein und deshalb unter einem besonderen Schutz stehen. Gewatscht werden heute alle, die ihre Ehre, ihren Nationalstolz, ihre Religiosität oder ihr Volk – was immer das dann genau sein soll – für sakrosankt und unantastbar halten. Alle, die sich anmaßen, Toleranz und Respekt für ihre absurden Welt- und Sittenbilder einzumahnen, selber aber eine intolerante Scheinheiligkeit kultivieren und bei jeder Gelegenheit den Rest der Gesellschaft damit belästigen. Wenn’s dann noch dazu genau jene sind, die durch ihren Umgang mit Minderheiten, die Strangulierung demokratischer Institutionen und die Aushöhlung des Rechtsstaates eigentlich eine Beleidigung für jede aufgeklärte Europäerin sein müssten, dann wird’s besonders absurd. Diesen Beleidigten sei eines ins Stammbuch geschrieben: Im gleichen Maße wie wir mit euren kruden Ansichten, mit euren Moralvorstellungen und archaischen Riten leben müssen, müsst ihr es auch mit unserer Kritik. Und vor dieser Kritik ist niemand und nichts gefeit. Genau darum geht es nämlich. Ob Islam oder Christentum, Mohammed oder Jesus, Österreich oder Ungarn: Alles darf, soll, kann und muss kritisiert und hinterfragt werden. Und zwar in der Form, in der es die Kritikerinnen für angebracht halten. Und wer in ganz Europa als leuchtendes Negativbeispiel für die Diskriminierung von Minderheiten gilt und sich gerade von einem rechtskonservativen durchgeknallten Premier ins Abseits führen lässt, muss eben damit leben, dass die Form der Kritik mitunter auch weh tut. Das soll jetzt bitte keine Beleidigung sein, sondern eine Watsch’n im wahrsten Sinne des Wortes.
Viel unfassbarer als diese ganze Causa ist nämlich die Lage der Roma in Ungarn, die gesellschaftliche Ächtung und die Verfolgung durch paramilitärische Ableger von Jobbik und Konsorten.
Aber für sowas reicht eine Gnackwatsch’n leider bei weitem nicht aus.
KUPFzeitung 146/02/2013

Gnackwatsch’n eingesprochen von Stefan Rois
Radio FRO FROZINE