Kategorien
ROMA

Roma Strategie 2012 Knoblauchprojekt als Roma-Hilfe?

Hilfe zur Selbsthilfe???

Mit der Einführung des Bettelverbots in Graz hat sich die Stadt verpflichtet, Initiativen für Roma zu unterstützen. Am Donnerstag wurde ein Projekt aus der Taufe gehoben, bei dem Roma-Familien in der Slowakei Bioknoblauch anbauen sollen.

Seit dem Bettelverbot dürfen nur noch musizierende Roma auf den Grazer Straßen um Spenden bitten – dafür unterstützt die Stadt Graz nun mit 25.000 Euro ein in Graz entwickeltes Projekt, bei dem Roma in ihrer Heimat auf brachliegenden Feldern Bioknoblauch anbauen sollen, der dann von einer Supermarktkette vermarktet wird.

Derzeit kommt der Knoblauch in Österreich zu 80 Prozent aus China: „Es gibt die Flächen, es gibt Menschen, die die Arbeit brauchen, und es gibt einen Markt dafür – es konnte sichergestellt werden, dass die Produkte auch auf den Markt kommen“ , so der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP).

Knoblauch Projekt Roma

Stadt Graz/Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Knoblauchanbau statt Betteln – die Stadt Graz unterstützt Projekt für Roma
Vertrieb durch Großhandelskette
Entstanden ist das Knoblauchprojekt auf Initiative des österreichischen und europäischen Familienverbandes, so Projektinitiatorin Sissi Potzinger (ÖVP): „Unser Ziel ist, in einem ersten Schritt für 5.000 bis 10.000 Familien Arbeit zu schaffen. Begonnen haben wir bereits – ich durfte selbst dabei sein, wie in Banska Bistrica in der Slowakei und in Kroatien Knoblauch gepflanzt wurde.“
Selbstbewusstsein und Aufstieg
Das Projekt soll die Lebensgrundlage der Roma verbessern, so Rudolf Sarközi, Volksguppenbeirat der Roma: „Man muss überzeugen, dass man mit seinem Verdienst Geld hereinbekommt, mit dem sie dann die Familie ernähren können, dadurch zum Konsumenten werden und auch das Selbstbewusstsein steigt. Damit ergibt sich auch die Möglichkeit, innerhalb der Familie und der Gemeinde einen gewissen Aufstieg zu bekommen.“
Vermarktung durch Großhandelskette
Spar wird als Projektpartner den europäischen Bioknoblauch vermarkten – weil man Nachhaltigkeit unterstütze, so Christoph Holzer, Geschäftsführer von Spar Steiermark: „Ein Projekt für Menschen, die es etwas schwerer haben in Europa. Sie zu unterstützen, dass sie ein sicheres Einkommen haben, dass sie es etwas einfacher und ein Auskommen haben und für einen fairen nachhaltigen Preis für ihr Produkt ein sicheres Leben führen können, das ist natürlich etwas, was uns Spaß macht, dabei zu sein.“
Kompetenzzentrum für Bioknoblauch
Knoblauch richtig anzubauen will gelernt sein und ist sehr personal- und handarbeitsintensiv, es braucht aber auch entsprechende Kompetenz und Erfahrung. Die landwirtschaftliche Fachschule Alt-Grottenhof in Graz soll ein in Europa einzigartiges Biokompetenzzentrum für europäischen Knoblauch werden und Fachleute entsprechend ausbilden.
Der erste „Bio-Knoblauch Romanes“ soll bereits im Juni geerntet werden. Das Projekt soll zuerst auf Ungarn und dann auch auf weitere Länder ausgeweitet werden.
https://marikaschmiedt.wordpress.com/knoblauch-projekt-fur-roma-dass-etwas-geschieht/ 

Kategorien
ROMA

Phrasen und Diskrimierung

»Negerkuß« verboten, »Zeithorizonte« erlaubt?
Über politisch korrekte Sprache

Von Wiglaf Droste

Darf man eigentlich noch »Negerkuß« sagen? Oder ein »Zigeunerschnitzel« bestellen? Und wenn die Antwort nein lautet, warum nicht? So fragen Leute, die sich vor dem Diktat einer »politisch korrekt« genannten Sprache fürchten, vor dem Verlust einer Ausdrucksweise, die sie so erlernt haben, mit der sie aufgewachsen sind und die sie deshalb als natürlich und ihnen eigentümlich empfinden. Sie sehen nicht ein, warum Wörter, die sie nach eigener Anschauung »schon immer« und »ganz normal« verwenden und als »völlig harmlos« und »überhaupt nicht böse gemeint« ansehen, auf einmal beleidigend und deshalb tabu sein sollten.

Immanuel Kant mußte sich mit solchen Fragen nicht herumplagen. Obwohl der Philosoph sein geliebtes Königsberg so gut wie nie verließ, war sein Geist weltläufig und phantasievoll; in seiner im Jahre 1802 publizierten »physischen Geographie« schrieb Kant: »Die Neger werden weiß gebohren, außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um den Nabel, die schwarz sind. Von diesen Theilen aus ziehet sich die Schwärze im ersten Monate über den ganzen Körper.«

Niemand widersprach dem frei flottierenden Unfug, und niemand wäre auf die Idee gekommen, Kant einen Rassisten zu nennen. Es war, auch unter den klugen Köpfen dieser Zeit, ganz selbstverständlich, Schwarze nicht als Menschen anzusehen, geschweige denn als gleichwertige, sondern sie wurden als Arbeitssklaven oder als Forschungsobjekte betrachtet, angesiedelt im Tierreich. Sie wurden in Menagerien gezeigt; noch der im Jahr 1883 auch um den Nabel weiß geborene Dichter Joachim Ringelnatz hat als Schüler in Leipzig fasziniert schwarze Frauen betrachtet, die im Zoo zur Schau gestellt wurden.

Sich darauf zu berufen, daß bestimmte Wörter »früher« ja auch »ganz normal« verwendet worden sein, ist kein Argument; im selben »Früher« wurden Menschen diesen Wörtern gemäß traktiert. Allerspätestens, wenn das Wort »Zigeuner« die Verurteilung zu Deportation und Tod nach sich zieht, hat es seine Unschuld verloren. Was nicht bedeutet, daß die Bestellung »Sinti-und-Roma-Schnitzel« zur Besserung der Verhältnisse beitrüge.

Ist »Neger« ein harmlos gemeintes Wort? Es kommt doch von lateinisch »niger«, heißt also nur Schwarzer und ist nicht herabsetzend zu verstehen, oder? Erfahrung sagt etwas anderes. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich von Nachbarn angeherrscht wurde, endlich »die Negermusik« auszumachen. Wertfrei war das nicht gemeint. Das war auch im deutschen Sozialismus nicht anders; Jazzmusiker wie Ernst-Ludwig Petrowsky berichten, mit welcher Mischung aus Unkenntnis, Argwohn und Verachtung DDR-Kulturfunktionäre sich gegen ihre »Negermusik« wandten.

Kann man sich und andere vor Mangel an Instinkt und Takt schützen, vor verbaler Dummheit und Niedertracht? In Paris steht seit Februar 2012 Jean-Paul Guerlain vor Gericht; der berühmte Parfümeur hatte 16 Monate zuvor bei einem Fernsehauftritt geäußert, er habe »geschuftet wie ein Neger«, um einen neuen Duft zu kreieren, und dann hinzugefügt, er wisse allerdings nicht, »ob Neger jemals so hart gearbeitet hätten«. Was im ersten Teil noch als sprachlicher Reflex auf die Sklaverei gedeutet werden kann, kippt im zweiten in das Klischee vom faulen schwarzen Mann.

Guerlain wurde daraufhin wegen »rassistischer Äußerungen« angeklagt, er hat seine Äußerung unterdessen als »unpassende Entgleisung« bezeichnet, die nicht seiner »eigentlichen Einstellung« entspreche. Man muß ihm das nicht glauben; aber daß ausgerechnet Juristen geeignet wären, über Sprache zu befinden, darf nicht minder bezweifelt werden. Wenn beispielsweise der gelernte Jurist Guido Westerwelle von »Zeithorizonten« spricht, also von etwas, das es gar nicht gibt, möchte man ihn nicht als Sprachgutachter an seiner Seite wissen. Westerwelle ist nur eins von Millionen Beispielen dafür, daß man ein Leben lang unbehelligt eine Mischung aus Phrasen und Irrsinn von sich geben darf, solange man sich nicht dessen schuldig macht, was Diskriminierung genannt wird. Merke: Menschen darf man nicht beleidigen, ihre Intelligenz aber uneingeschränkt und fortwährend.

Sieht jeder, der vielleicht nur unbedarft »Neger« sagt, Menschen mit dunkler Haut als minderwertig an und ist folgerichtig Rassist? Und sind umgekehrt all diejenigen keine Rassisten, die sich rhetorisch keine Blöße geben? Es könnte sich ein Rassist ja auch geschickt hinter der Maske formal korrekter Sprache verstecken und sich einen Jargon zulegen, den er, unabhängig von seiner tatsächlichen Haltung, für das öffentliche Sprechen reserviert. Hinter der Einhaltung von Formalitäten kann man sich gut verbergen.

Takt und Feingefühl lassen sich nicht verordnen. Würden Sie in Anwesenheit von Schwarzen von »Negern« sprechen? Und wenn ja, warum? Wenn man nicht anonym übereinander redet, sondern von Angesicht zu Angesicht miteinander spricht, lösen sich viele akademische oder scholastische Probleme in Luft auf, in welcher Weise auch immer.

Die Debatte über Sprache und Rassismus muß nicht frei von Humor und Überraschungen sein. So kann es geschehen, daß ein Mann mit dunkler Hautfarbe in bestem Deutsch sagt: »Bitte nennen Sie mich nicht ›Schwarzer‹, sonst muß ich an die Bild-Autorin Alice Schwarzer denken, und das möchte ich nicht gern. Da ist mir sogar ›Neger‹ noch lieber.«

Womit man schlußendlich beim Sexismus gelandet wäre, der Kusine des Rassismus. Den Namen des eingangs erwähnten Philosophen Kant darf man in Großbritannien oder den USA auf keinen Fall deutsch aussprechen; man muß ihn zu »Känt« anglifizieren, denn Kant, c-u-n-t geschrieben, ist im Englischen und Amerikanischen ein vulgäres und herabsetzendes Grobwort für das primäre weibliche Geschlechtsorgan oder für Frauen im allgemeinen, das sich auf die geläufige Abkürzung der Potsdamer Straße ebenso reimt wie auf einen umgangssprachlichen Ausdruck für Erbrochenes. Hätte Immanuel Kant das gewußt oder auch nur geahnt, er hätte seinen Kokolores über »den Neger« womöglich für sich behalten.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2012/03-06/012.php 

Kategorien
ROMA

Trotz Verbot: wieder Neonazi-Aufmarsch in Ungarn

Trotz eines gesetzlichen Verbotes, sowohl der „Bürgerwehr für eine bessere Zukunft“ als auch von uniformierten Aufmärschen generell, marschierten am Samstag im 60 km östlich von Budapest gelegenen Jászjákóhalmá wieder neofaschistische Banden in Uniformen und mit den Symbolen der „Garde“ auf. Rund 60 von ihnen, dazu nochmal so viele Einheimische demonstrierten in dem 3.500 Einwohner zählenden Ort gegen „Zigeunerkriminaltiät“ und gegen Innenminister Pintér.
Die Bürgerwehr, eine direkte Installation der im Parlament vertretenen Partei Jobbik, fiel im Vorjahr durch ihre Machtübernahme im Ort Gyöngyöspata auf, das heute von einem Jobbik-Bürgermeister regiert wird. Laut Gesetz sind öffentliche Auftritte von verbotenen Organisationen mit bis zu zwei Jahren Haft bewährt, allerdings schritt die Polizei in Jászjákóhalmá nicht ein. Die Organisatoren deklarierten ihren Aufmarsch als „Spaziergang“ und „Bürgerversammlung“, verzichteten auf Gleichschritt und einheitliche Uniformen, womit sie die Lücken des Anlass- und Alibigesetzes aufzeigten.

Man versammelte sich vor dem Gemeindezentrum und ließ die üblichen Parolen ab, von „den Zigeunern, die nie in ihrem Leben gearbeitet hätten, nie ein Buch lesen, nichtmal die ungarische Nationalhymne kennen, dafür aber die Magyaren terrorisieren.“ berichtet das Nachrichtenportal index.hu, das Reporter vor Ort hatte. Minderheitenrechte wurden als „Rassismus gegenüber der Mehrheit“ bezeichnet. Der Staat bestrafe die Falschen, in dem er „Bürgerwehren“ verbiete, aber die wahren Kriminellen laufen lasse. Die Sicherheitslage in Jászjákóhalmá sei so katastrophal, dass sogar „ältere Roma-Frauen die Bürgewehr um Hilfe gefragt“ hätten, weil die Polizei untätig bleibe, obwohl ständig „Diebstähle, Plünderungen und Überfälle“ stattfinden. Gleichzeitig warnten Sprecher, auch die Spin-Doktoren von Jobbik waren anwesend, davor, dass die „Kommunisten“ wieder an die Macht zurück wollten, allein das sei schon Grund genug sich zu organisieren. Die Ansprachen endeten stets mit dem Spruch „Für eine bessere Zukunft!“, dem Wahlspruch der faschistischen Pfeilkreuzler.
Der Bürgermeister des Ortes erklärte gegenüber Medienvertretern, dass er zwar nicht zufrieden mit der Sicherheitslage im Ort ist, aber nicht erkennen können, dass es schlimmer zugehe als im Durchschnitt des Landes. Vor allem sei es unrichtig, dass sich die Lage in letzter Zeit verschlimmert hätte. Weiter sagte er, dass nach seinem Empfinden die ortsansässigen Roma nicht krimineller seien als die Nicht-Roma. Er könne gegen eine solche Versammlung nichts unternehmen, glaubt aber nicht, dass sie etwas Gutes bringt.

Quelle: Pester Lloyd
http://www.pesterlloyd.net/html/1210aufmarschgarde.html 

Kategorien
ROMA

Erschreckender Bericht der Alle-Bleiben! Deligation im Kosovo/Serbien

Genaues Hinsehen unerwünscht!

Delegation des Petitionsausschusses Baden Württemberg sagt Treffen mit alle bleiben! Team im letzten Moment ab und kommt zu dem Entschluss: „Die Roma werden nicht diskriminiert“.

Schon bei der Vorbereitung der Tour des Petitionsausschusses hatten wir unsere Hilfe angeboten. Wir wollten so verhindern, dass diese Kommission wieder nur zu einer Besichtigungstour von ausgesuchten Vorzeigeorten und einigen Besuchen bei vorbereiteten und gepäppelten Familien endet, wie schon bei Informationsreisen von Politikern zuvor geschehen.

Für unsere Forderung an die Delegationsmitglieder genauer hinzusehen gab es gute Gründe und auch viele Unterstützer und standen mit der Leiterin des Petitionsausschusses, Beate Böhlen (Bündnis 90 die Grünen), in Kontakt.

Unser Mitwirken an der Planung wurde leider abgewiesen aber man vereinbarte mit uns zumindest ein Treffen am Samstagabend, bei dem wir den Delegationsmitgliedern unsere Kenntnisse präsentieren sollten.
Zu unserer großen Enttäuschung wurde dann diese Verabredung kurzfristig abgesagt. Hinzu kam, dass wir darüber informiert wurden, dass bereits einen Tag vor unserer geplanten Verabredung von den Delegationsmitgliedern einvernehmlich entschieden wurde, dass die Situation so schlecht nicht sei, und dass man weiter abschieben könne. Ein Treffen mit uns war somit überflüssig geworden in den Augen der Organisatoren. Das die Delegation innerhalb von drei Tagen und ohne Einbeziehung von unabhängigen Roma zu der Überzeugung gelangen konnte, das es im Kosovo keine Diskriminierung von Roma gäbe ist in unseren Augen dreist und wiederspricht unseren Erfahrungen gänzlich! Wir haben von den Familien, die wir besuchen konnten mehrfach Berichte über polizeiliche Willkür und Schikane erhalten und mussten sogar selber erleben, wie es ist in einer Gruppe mit drei (leicht als solche zu erkennenden) Roma unterwegs zu sein.
Kaum hatte unser erster Tag im Kosovo begonnen wurden wir nach dem Frühstück auf offener Straße ohne ersichtlichen Grund festgenommen. Man hielt uns mehr als 5 Stunden fest, kontrollierte unsere Pässe immer wieder, durchsuchte unser gesamtes Gepäck und befragte uns ausgiebig zu unseren Verhältnissen zueinander.
Hierbei konnte es sich der befragende Polizist nicht verkneifen mehrere nationalistische und romafeindliche Kommentare zu machen und eine bedrohliche und schikanöse Atmosphäre aufzubauen. Als es bereits anfing dunkel zu werden ließ man uns wieder frei, ohne dass die Festnahme zu irgendeinem Ergebnis geführt hätte.
Am Folgetag wurde unsere Gruppe übrigens wieder grundlos festgenommen.
Dieses Mal hatten wir aber Glück, da wir bereits nach einer halben Stunde wieder gehen durften. Es war schon spät. Eine Familie, die erst vor wenigen Wochen abgeschoben wurde berichtet von einer kompletten Hausdurchsuchung (wegen angeblichen Verdacht auf Waffenbesitz) durch schwer bewaffnete Polizisten. Auch hier blieb die Durchsuchung ohne Ergebnis, wenn man davon absieht, dass die ganze Familie seit dem zutiefst verängstigt ist und vor allem die sechs Kinder zwischen 9 bis 20 Jahren mit diesen belastenden Erlebnissen zusätzlich zum Erlebnis der Abschiebung kaum umgehen können.

Ein anderer Familienvater, der auch 2011 abgeschoben wurde, berichtet uns regelmäßig auf der Straße von seinen Nachbarn bedroht zu werden.
Seine Anzeige bei der Polizei blieb ohne jede Folge, so dass er jetzt kaum noch das Haus verlässt und die Kinder von Bekannten zur Schule gebracht werden, weil auch seine Frau Angst hat raus zu gehen. Sie sagen, sie fühlen sich wie im Gefängnis.
Allgemein viel bei den Interviews mit einheimischen, also nicht abgeschobenen Roma, auf, dass zuerst Antworten kamen wie: „Ich fühle mich sicher und habe keine Probleme mit Diskriminierung“ sich aber später im Verlauf des Gespräches herausstellte, dass sich diese empfundene Sicherheit nur auf das jeweilige, ausschließlich von Roma bewohnte, Mahala bezog. Auf unsere Nachfrage, ob sie sich auch außerhalb des Mahalas sicher fühlen und keiner Diskriminierung begegnen wurde dann in den meisten Fällen überrascht reagiert. „Natürlich, wenn ich raus gehe, gibt es die üblichen Beschimpfungen und manchmal auch Schläge.“ Für diese Menschen ist die Diskriminierung außerhalb des Mahalas offensichtlich schon so selbstverständlich, dass sie die nicht für erwähnenswert halten und vermeiden, indem sie die Mahalas nicht verlassen.
Ganz allgemein ist uns noch aufgefallen, dass in keiner der Familien, die wir interviewt haben jemand einen festen Job hat. Bestenfalls wird mit Müllsammeln oder Gelegenheitsjobs etwas dazu verdient. Hierbei, so wird uns berichtet, kommt es auch manchmal vor, dass nach erledigter Arbeit nicht bezahlt wird und so quasi gratis gearbeitet wurde. Aus Angst vor Problemen wird der Lohn nicht weiter eingefordert.
Die wenigsten bekommen Sozialhilfe, da die Kriterien für die Bedürftigkeit sehr hoch sind. So muss z.B. eines der Kinder unter 5 Jahren alt sein und unabhängig von der Größe der Familie und dem individuellen Bedarf gibt es maximal 55 € pro Familie.
Einige wenige, die großes Glück haben werden von Verwandten aus dem Ausland unterstützt oder haben deren verlassene Häuser überlassen bekommen.
Niemand verfügte also über ein sicheres eigenständiges Einkommen. Familien, die nur die Gelegenheitsarbeit als Geldquelle haben, stehen jeden Tag aufs Neue vor dem Problem genug Geld für Essen und Überleben zusammen zu bekommen. Hinzu kommt meist noch eine starke Bedrohung durch Obdachlosigkeit. Von Maßnahmen, die helfen Menschen ein existenzsicherndes Einkommen zu ermöglichen, konnte uns niemand etwas berichten. Solange im Kosovo eine Arbeitslosigkeit unter Roma von fast 100% herrscht und es für Roma kaum Aussichten auf ein Berufsleben und wirtschaftliche Unabhängigkeit gibt kann man die Behauptung, im Kosovo gäbe es keine Diskriminierung gegen Roma leicht als schamlose Lüge erkennen.

Besonders enttäuscht sind wir von Frau Böhlen, die zum einen das vereinbarte treffen absagte und zum anderen glaubt, sie könne nach drei Tagen Sightseeing-Tour beurteilen, dass es im Kosovo keine Diskriminierung gegen Roma gäbe. Am Tisch mit den Politikern saß kein Roma, als diese Entscheidung getroffen wurde. Alles worauf die Entscheidung der Delegation beruht ist eine inszenierte Vorführung, organisiert von Leuten, in dessen Interesse es ist, das die Abschiebungen weiterlaufen und Kosovo dafür mit Hilfszahlungen und der Aussicht auf Visafreiheit belohnt wird.
In diesem Handel wurden die in Deutschland geduldeten Roma quasi verkauft.
Über ihre Interessen hinweg wird über ihre Schicksale entschieden von Politikern, die es sich gerne einfach machen in der Diplomatie und nicht zu genau hinsehen, wo Missstände nach Kritik und Umdenken verlangen.
Frau Böhlen hat offensichtlich selber Schwierigkeiten diese Entscheidung zu begründen: Interview Radio Dreyeklan

alle bleiben! http://www.alle-bleiben.info/news/info-news86.htm
Vollständiger/Aktualisierter Reisebericht und Video der Alle-Bleiben! Deligation im Kosovo und Serbien (19.02.12):
http://www.alle-bleiben.info/news/info-news91.htm

Quelle: http://antiramh.blogsport.de/2012/01/26/erschreckender-bericht-der-alle-bleiben-deligation-im-kosovoserbien/

Kategorien
ROMA

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

Rassismus und die Abwertung von Obdachlosen sind […] von 2010 auf 2011 signifikant angestiegen. Ein ebenfalls ansteigender Trend lässt sich aktuell bei der Fremdenfeindlichkeit und bei der Abwertung von Behinderten beobachten. Und 35,4 Prozent der Befragten stimmten 2011 der Aussage zu: „Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden“. 40,1 Prozent bestätigen: „Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten“. Und 44,2 Prozent sind sich sicher: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. […]

http://www.taz.de/Konfliktforscher-Wilhelm-Heitmeyer/!88520/

Kategorien
ROMA

Die Strategien der Sinti, Roma und Jenischen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft

Selbstorganisation und Selbsthistorisierung

Die Strategien der Sinti, Roma und Jenischen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft

Was nicht schriftlich festgehalten wird, gilt als nicht historisch verbürgt. Oder umgekehrt: Schriftliche Quellen gelten als gesichert. Wissen und Geschichte, die nicht auf Schriftlichkeit basieren, haben es ungleich schwerer, wahrgenommen zu werden: Sie werden häufig in den Bereich des Spekulativen, Unbekannten, Fremden verschoben. Dies gilt vor allem für jene sozialen Gruppen und Gesellschaften, die Wissen ausschließlich mündlich weitergegeben haben. Bei den ursprünglich fahrenden Stammesgesellschaften der Sinti, Roma und Jenischen ist Geschichte mündlich, in und durch Geschichten erhalten worden. Wissen, Fertigkeiten, Traditionen, Musik etc. werden vor allem an Gruppenmitglieder weitergegeben. Wissen um die Kultur und Geschichte im Gedächtnis zu tragen, ist ein zentrales Element der oralen Tradition – und diese spielt noch immer eine tragende Rolle in der Alltagskultur der Sinti, Roma, Jenischen.

Seit den ersten schriftlichen Quellen über diese Fahrenden – ab ca. 1418 – und bis zum Auftauchen der ersten eingetragenen Vereine von Sinti, Roma, Jenischen ab Mitte der 1970er Jahre – über 500 Jahre lang – erstreckt sich eine lange Zeit, in der ihre Selbstorganisation nicht dokumentiert ist. Eine Schlussfolgerung wäre, dass diese sozialen Gruppen vollkommen unorganisiert waren. Immerhin galten sie als „Zigeuner“ und „Landfahrer“. Im Mittelalter wurden sie als „vogelfrei“, als Hexer und Ketzer gesehen. Später galt ihre Lebensform als provokant antibürgerlich, als „asozial“, und ihre Strategien für die Begegnungen mit feindlichen Behörden wurden als eine ganz eigene Gleichgültigkeit gegenüber allen bürokratischen Vorschriften verstanden.

Unorganisiert waren sie trotz dieser Stereotype nicht. Sie hätten sonst durch all diese Jahrhunderte hindurch nicht überlebt: Denn in diesem Zeitraum fanden Revolutionen statt, Nationalstaaten wurden blutigst gebildet, die bürokratische Kontrolle wurde mehr und mehr ausgebaut, der Begriff Heimat gewann an Bedeutung, und einige Kriege, darunter zwei Weltkriege, wurden geführt. Die wichtigste soziale und kulturelle Instanz der Sinti, Roma und Jenischen in diesen bewegten bzw. bedrohlichen Zeiten war die Großfamilie, in der die Autorität bei alten Männern und Frauen lag. Alles, was es zu regeln galt, wurde innerhalb der Sippe geregelt.

Neben der Familie war die Kumpania eine zentrale Form der Selbstorganisation der Roma, Sinti und Jenischen. Die Kumpania ist ein zeitweiliger Zusammenschluss von Vertreter_innen, der verschiedene Familien und Sippen angehören, zu einem gemeinsamen Vorhaben. Die Inhalte der stattgefundenen Kumpanias sind nicht schriftlich festgehalten: In einer mündlichen Kultur gilt das gesprochene Wort – nicht zuletzt, weil es so nicht in falsche Hände gelangen kann. Die alte Form der Selbstorganisation wurde also nicht „buchhalterisch“ erfasst, das Wissen darüber blieb in den erzählten Geschichten aufbewahrt. Doch durch die nationalsozialistische Deportation und Ermordung ganzer Großfamilien, Sippen und Clans wurde die Kumpania, ebenso wie weitere Traditionen, etwa Musik und Erzählkunst, in weiten Teilen zerstört und vernichtet.

Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Ende der Nazi-Schreckensherrschaft, greift der Verlust der Muttersprache, der Musik, des Wissens um die Heilkunst und der Tradition des Geschichtenerzählens weiterhin tief in den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Sinti, Roma und Jenischen ein. Der Verlust an Menschen, Tradition, Kultur und somit Identität wirkt im Zusammenspiel mit dem später eingesetzten und bis heute andauernden Assimilationsdruck nachhaltig.

Widersprüche der Selbstorganisation

Der Prozess einer postnazistischen, europäischen Roma-Selbstorganisation hatte seinen Ausgangspunkt in Frankreich. Im Jahre 1952 gründete Ionel Rotaru in Paris das Roma-Weltkomitee (CMG), in dem, der Tradition der Kumpania entsprechend, französische Roma, Manouche und Calé gleichermaßen vertreten waren. Der erste Welt-Roma-Kongress fand trotzdem erst 20 Jahre später, am 8. April 1971, in London statt. Im Rahmen des Kongresses einigten sich die Teilnehmer_innen auf den Überbegriff „Roma“ und legten eine gemeinsame Fahne fest.

Im Geist der Bürgerrechtsbewegungen der 1970er Jahre bildeten die europäischen Sinti, Roma und Jenischen zahlreiche Interessengemeinschaften. Im Gegensatz zu früheren Formen der Selbstorganisation stellten sich in dieser Phase die Frage der Rechtsform und damit auch die Frage der Schriftlichkeit. Denn die bürgerliche Administration erfordert, dass alles schriftlich belegt wird. Im Rahmen dieser Bewegung wurden Vereine gegründet, Statuten ausgearbeitet und das Vereinsrecht und die Vereinspolizei, die es in Österreich tatsächlich gibt, erkundet. Auf diese Weise bedienten die neuen Vereine eine umfassende Bürokratie, um das Ziel der Selbstrepräsentation zu erreichen. Die Selbstorganisation der verschiedenen Gruppen in den 70er Jahren bedeutete so eine grundsätzliche Abkehr von dem Selbstverständnis der Kumpania.

Eigentlich paradox: Denn der Wandel, der der Gründung der Roma-Vereine zugrunde lag, war der Wunsch, sich selbst als Sinti, Roma, Jenische nicht (mehr) zu verleugnen, sich nicht mehr an die jeweilige Mehrheitsgesellschaft anpassen zu müssen. Gerade diese Vereine forderten von der Mehrheitsgesellschaft die Anerkennung und den Respekt gegenüber den Sinti, Roma und Jenischen. Um dies überhaupt zu fordern, mussten die Interessengruppen jedoch erst die juristischen Formen der bürgerlichen Gesellschaft übernehmen.

Zusätzlich gab es auch die Herausforderung, die Geschichte und Kultur der Roma von innen her zu beschreiben und sie für die Nicht-Roma zugänglich zu machen. Dieses Zugänglich-Machen stellte für viele – und nicht nur für die traditionellen – Roma, Sinti, Jenischen ein Problem dar. Nicht nur, weil damit ein Tabubruch verbunden war. Auch wegen des fest verankerten Misstrauens und der Furcht vor dem geschriebenen Wort – zumal es als administratives Papier daherkam.

Festzuhalten bleibt, dass sich mehrheitlich konservative und patriarchale Inhalte durchsetzten. Dennoch, die Widersprüchlichkeiten blieben. Zwar haben die Roma-Vereine viel dazu beigetragen, dass die Akzeptanz der Roma in der Gesellschaft sich teilweise gebessert hat. Gleichzeitig trägt der – nennen wir ihn so – männliche Konservatismus in diesen Vereinen nach wie vor dazu bei, dass die Wahrnehmung der Roma in der Mehrheitsbevölkerung im Klischeehaften und Traditionellen verharrt.

Gemeinsame Positionen, Differenzierungen und Abgrenzungen

Die Frage der Selbstorganisation ist eng verbunden mit der Frage der Solidarität bzw. Abgrenzung. Die verschiedenen Roma-, Sinti- und Jenischen Vereine bzw. Interessenvertretungen sind sich über ihre gemeinsame europäische Identität einig. Diese Gemeinsamkeit hielt jedoch viele Vereine nicht davon ab, ihre Rechtsform auf nationale Zugehörigkeit aufzubauen (z.B. Sinti in Deutschland). Damit grenzen sich manche Vereine etwa von den „eingewanderten“ Roma aus Südosteuropa ab. Solche Differenzierungen legen eine Reihenfolge fest und kommen nicht umhin, eine Rangordnung zu betonen. In der Fremdwahrnehmung werden diese Differenzierungen als Uneinigkeit unter den Roma, Sinti und Jenischen bzw. als Unorganisiertheit ausgelegt. Paradoxerweise wird dadurch sowohl Einigkeit wie Differenziertheit unter dem Schlagwort der „Unorganisiertheit“ subsumiert. Dadurch werden alte Vorurteile neu gewälzt.

Eine breit geteilte Position ist auch, dass ohne das Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft kaum etwas bewegt bzw. erreicht werden kann. Um die ohnehin nicht reichlich vorhandenen Sympathien nicht gänzlich zu verlieren, werden dann leider doch zu gerne und oft die alten Klischees von „Zigeunermusik und -romantik“ vorgeführt. Ohne „feurige“ Musik sei auch anno 2012 kaum ein Roma-Anliegen durchzubringen, meinen viele politische Roma-Vertreter_innen.

Am Beispiel der 1975 in der Schweiz gegründeten Radgenossenschaft der Landstrasse lassen sich diese Ambivalenzen gut erkennen. Dabei handelt es sich um eine neutrale, unkonfessionelle Vertretung, die sich u.a. für Gewerbefreiheit, das Recht „auf Niederlassungsfreiheit oder Arbeit und Bildung innerhalb der angestammten Lebensweise“ einsetzt. Die Radgenossenschaft der Landstrasse entstand aus dem jenischen Widerstand gegen die menschenverachtenden Praktiken des „Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse“: Zwischen 1926 und bis in die Mitte der 1970er Jahre nahmen die Behörden systematisch jenische Kinder von ihren Familien weg, um sie nach eigenem Vorbild fern des „Familienbetriebs“ im „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“ zu erziehen. Aber bei öffentlichen Veranstaltungen repräsentiert werden dann lieber doch die alten, heilen Welten, als die Pferde noch die Planwägen zogen.

Die Radgenossenschaft ist eine der zahlreichen nationalen und regionalen Organisationen, die dem Dachverband der wichtigsten internationalen Interessenvertretung angehört: Die Internationale Roma Union (IRU) wurde 1978 beim zweiten Welt-Roma-Kongress in Genf gegründet. Als NGO mit konsultativem Status gehört die IRU seit 1979 dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen an und berät auch die UNESCO. Seit 1986 ist sie Mitglied von UNICEF.

Radikalere bzw. progressivere Positionen der Selbstrepräsentation lassen sich vor allem in der Arbeit einiger freien Künstler_innen finden. Die jenische Lyrikerin Mariella Mehr und die Romni-Filmemacherin Marika Schmiedt wären hier zu nennen. Beide geben Einblicke in die Gesellschaft und Kultur der Sinti, Roma und Jenischen. Sie thematisieren in ihrer Arbeit die Zerstörung der eigenen sozialen Strukturen. Solch schonungslose Einblicke zu gewähren, ist ein wirksamer Weg um zu verhindern, dass sich die Vergangenheit in der Zukunft wiederholt. Doch das, was in der Kunst stattfindet, muss nicht zwangsläufig in der Realität funktionieren. Als Fiktion oder Vision sind sie trotzdem von enormer Wichtigkeit.

Social media oder die neue Kumpania

Eine neue und intensiv genutzte Plattform der Roma-Selbstorganisation bietet inzwischen das Internet. Die neuen Kommunikationstechnologien und vor allem die social media haben dafür gesorgt, dass sich Roma, Sinti und Jenische über die nationalen Grenzen hinweg vernetzen. Das Internet ist in gewisser Weise das postmoderne Pendant zu dem vormodernen Marktplatz: Auf beiden tummeln sich die „Fahrenden“ bzw. deren Nachfahren im 21. Jahrhundert. Die Internet-Foren, Chats und Communities erinnern durchaus an die alte Form der Kumpania. Sie erfüllen aus minderheitspolitischer Sicht ihren Zweck: den Zusammenschluss verschiedenster „Stämme“.

Die Kehrseite der Internet-Kommunikation ist natürlich das, was der Philosoph Jean Baudrillard bereits 1982 als „die Ekstase der Kommunikation“ vorausgesagt hat. Dieser hyperaktive Zustand des permanenten Kommunizierens treibt – auf den virtuellen Marktplätzen – mitunter schauderliche Blüten der Selbstdarstellung. Und bei aller digitaler Offenheit wird dann oft auch nicht mehr gezeigt als die Oberflächen der altbekannten Stereotypen.

http://www.migrazine.at/node/662

Kategorien
ROMA

Tschechien: Wieder Brandanschlag auf Roma / Czech Republic: Yet another arson attack on a building with Romani tenants


Februar 27th, 2012

In der Nacht zu Sonntag wurde in der Tschechischen Republik neuerlich ein Brandanschlag auf Roma verübt: In der westböhmischen Kleinstadt Aš / Asch, nahe der tschechisch-deutschen Grenze, haben zwei noch unbekannte maskierte Täter gegen halb drei Uhr morgens Brandsätze auf ein Roma-Wohnheim unweit des Bahnhofs geworfen; verletzt wurde jedoch niemand. Das Feuer konnte von den Bewohnern selbst gelöscht werden. In dem Gebäude wohnen laut Romea.cz neben zwei Roma-Familien auch einige Nicht-Roma-Arbeiter. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen und geht Pressemeldungen zufolge von einem Anschlag mit rassistischem Motiv aus. Zusätzliche Polizeibeamte wurden für die nächsten Tage zur Beobachtung der Lage nach Aš beordert. Dalibor Blažek, der Bürgermeister der Stadt, betont gegenüber der Presse, dass es in der Stadt keinerlei Konflikte zwischen den Roma-Familien und Nicht-Roma gegeben habe. Er hält daher einen anderen als rassistischen Hintergrund oder eine Tat rechtsextremer Täter von außerhalb für wahrscheinlich.
In den letzten Jahren kam es in der Tschechischen Republik wiederholt zu Anschlägen auf die Häuser von Roma-Familien. Der bekannteste Fall ereignete sich im April 2009 in Vítkov (Bezirk Opava), wo vier rechtsextreme Täter mehrere Molotowcocktails in ein kleines Wohnhaus warfen und drei Personen verletzten, am schwersten ein Kleinkind, das nur knapp überlebte. Vergangenen März wurden die Täter zu 20 bzw. 22 Jahren Haft verurteilt.

(Text: dROMa-Red.)

Czech Republic: Yet another arson attack on a building with Romani tenants

http://www.romea.cz/english/index.php?id=detail&detail=2007_3189

Kategorien
ROMA

Angst ist Alltag für die Roma in Varnsdorf

Hassaufmärsche in einer tschechischen Kleinstadt
Von Till Mayer

Seit Monaten herrscht regelmäßig Belagerungszustand vor dem ehemaligen Hotel »Sport«: Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in dem Gebäude, draußen marschieren die Ultrarechten auf. Angst haben die Belagerten auch vor Hasstouristen aus dem Ausland – den Neonazis aus Deutschland.

Die Angst treibt seltsame Blüten: Die Kinder aus dem »Sport« spielen nach, was sich vor ihrer Tür ereignet: »Demonstranten und Polizei«. »Zigeuner ins Gas« rufen sie dann, weil sie es schon viel zu oft gehört haben.
Beim ersten Mal ging Julius Danko noch ans Fenster. »Hört auf! Wisst ihr eigentlich, was ihr da sagt«, rief der 49-Jährige den Kindern zu. Die spielten »Demonstranten und Polizei« unten im Hof. Vor den grauen Mauern des abgelebten ehemaligen Hotels. Vor dem zugemauerten Tor auf rissigem Beton. Zuvor hatten sie ausgelost, wer Demonstrant sein muss. Wer will schon den »Bösen« spielen? Auch wenn man dabei aus vollem Hals krakeelen kann. Also losen die Kinder die Rollen aus.
Zu viele Nieten im Leben der Dankos

Das Leben hat für Julius Danko und die Seinen zu viele Nieten bereitgehalten. Vor gut drei Jahren hatte der Familienvater einen Herzinfarkt. Damit begann der Abstieg, der mit dem Umzug ins »Sport« vor einem Jahr sein Ende fand. So sitzt er am Sonntagmorgen mit seiner fünfköpfigen Familie in der 55-Quadratmeter-Wohnung mit der gefliesten Einsparung für das Waschbecken als Badersatz, samt Spiegeln mit zwei Engeln und dem Gemälde mit einer lächelnden Nackten. Das hängt über dem alten Sofa. Auf dem Schrank stehen mächtige Plastikblumen, die seine Frau Verona platziert hat. Ein Handtuch mit buntem Urwaldvogel hat sie als Schmuck an die Wand gehämmert. »Wir haben nicht viel, aber wir machen das Beste daraus«, wischt Verona Dankova über die Diskrepanz zwischen der üppigen Nackten und dem schreibunten Tukan darunter hinweg.
Die Familie Danko hat schon bessere Zeiten erlebt. Damals, als sie und ihr Mann einen Job hatten und in einem Haus mit Garten wohnten. »Ich hatte sogar eine kleine Tomatenzucht«, erzählt Verona Dankova. Sie lächelt dabei, aber es ist ein angespanntes Lächeln. In kaum zwei Stunden wird vor dem Haus das geschehen, was die Kinder im Hof so oft lautstark nachspielen. In Varnsdorf wird an diesem Wintersonntag wieder marschiert.
Eigentlich haben die Demonstranten längst erreicht, was sie wollen. Die Dankos wünschen sich nur eines: dass sie hier endlich weg können. Aber eine Wohnung weit weg vom »Sport« – wie soll sich Julius Danko die Miete mit seiner kleinen Invalidenrente leisten? Und vielleicht kommen dort auch wieder die Rechten?
Die Rechtsaußen arbeiten grenzübergreifend
Der zwölfte Hassaufmarsch seit September beginnt Ende Januar mit fröhlicher, fast südländischer Note. Das gilt zumindest für die Musik, die aus Lautsprechern schallt. Ein Blick in die Runde lässt Urlaubsgefühle jedoch schnell erkalten. Stiernackige Glatzköpfe, dumpfe Blicke, blank gewienerte Springerstiefel, DSSS-Fahnen. Die Marschierer tragen Uniformteile aus dem Army-Laden, Pullover mit markiger Szeneaufschrift. Das übliche Szenario, wenn eine rechtsextreme Partei mobil macht.

Doch Angst macht der Familienvater mit der modischen Jacke und dem Kleinkind auf den Schultern. Das junge Pärchen im bunten Partnerlook, die »Gerechtigkeit ist kein Rassismus« auf ein Schild gemalt haben. Normalbürger mitten im Aufmarsch der Ultrarechten. Die »Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit« (DSSS) bläst auf dem Marktplatz des 16 000-Einwohner-Städtchens zum Demonstrationszug, wie so oft …
Wie so oft auch mit NPD-Funktionären aus dem benachbarten Deutschland. Eine Stadträtin ist dieses Mal aus Zittau angereist. Tschechische und deutsche Rechtsaußen arbeiten seit Jahren grenzübergreifend zusammen.
Das schäbige Gebäude am Stadtrand hat traurigen Symbolcharakter erlangt. Im Sommer vergangenen Jahres überfielen Roma in einer Kneipe gut 30 Kilometer von Varnsdorf entfernt einen Gast und verletzten ihn mit Macheten. Kneipenschlägereien, die war man gewohnt. Aber ein Streit mit Messern, das war eine neue Qualität der Gewalt. So hatte alles begonnen.
Die DSSS wusste den »Volkszorn« zu nutzen. Was nützte es, dass die Bewohner aus dem »Sport« nichts mit dem Überfall zu tun hatten. Das vergammelte Hotel wurde in den Augen der Rechten zum Haus des Bösen. Bei den folgenden Demonstrationszügen marschierten zeitweise über 1500 Menschen vor dem Gebäude auf.

DSSS-Chef Tomaš Vandas hat auch für den zwölften Aufmarsch wieder einen Anlass gefunden. Diesmal gab es eine Schlägerei zwischen »weißen Tschechen« und Roma. Eine der Anwesenden, eine ältere Frau, starb Wochen später. »Ob ihr Tod etwas mit der Schlägerei zu tun hat, ist noch völlig unklar. Sicher ist, von der Unterkunft ›Sport‹ war niemand beteiligt«, erklärt Markus Pape. Der in Prag lebende Bürgerrechtler und Journalist versucht mit dem Netzwerk »Hass ist keine Lösung« den Bewohnern beizustehen.
Für die DSSS sind Roma eben Zigeuner, und so wird wieder zum »Sport« marschiert, vermutlich nicht zum letzten Mal, befürchtet auch Julius Danko. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie die Demonstranten versuchten, das Haus zu stürmen. Die Polizei griff ein. Steine und Feuerwerkskörper flogen. Im Gebäude waren alle wie gelähmt vor Angst. »Ich dachte, jetzt kommen sie und nehmen alles auseinander«, sagt Danko. Seitdem überwachen Kameras die Umgebung des Hauses. Gegenüber, in einer heruntergekommenen ehemaligen Disco, ist eine Polizeiwache eingezogen.
»Irgendwann werfen sie uns einen Molotow-Cocktail durchs Fenster«, ahnt Denissa, die 14-jährige Tochter. Ihr Vater will sie beruhigen. »Die Leute aus Varnsdorf werden das nicht machen«, meint er. Aber die Nazis von außerhalb, die machen ihm Sorgen. »Was kommen diese Menschen immer zu uns? Wir haben niemandem etwas getan. Bis zu meinem Infarkt habe ich gearbeitet. Wir sind keine ›Sozialschmarotzer‹«, erklärt er. Danko erzählt, wie er seine zweijährige Dienstzeit in der tschechoslowakischen Armee abgeleistet hat. »Wenn da jemand was Rassistisches gesagt hat, dann kam er in den Bau. So war das, keine Probleme.« Er berichtet von seinem Job bei der Bahn und als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik. »Seit 30 Jahren lebe ich in Varnsdorf. Geboren wurde ich in einem Nachbardorf. Das hier ist meine Heimat«, sagt Danko.

Aussichtslos, auf eine Arbeit zu hoffen

Doch viele »weiße« Tschechen in Varnsdorf klagen über einen dauernden Roma-Zuzug aus anderen Teilen der Republik, über einen Anstieg der Kriminalität. Roma aus den Großstädten sollen von Immobilienhaien Geld bekommen, wenn sie aus schick werdenden Altstadtgebieten fortziehen. Endstation ist oft eine schäbige Unterkunft in der Provinz.
Markus Pape schüttelt nur den Kopf: »Im ›Sport‹ leben derzeit ausschließlich Roma aus der Region, dem Schluckenauer Zipfel, der an Sachsen grenzt. Familien wie die Dankos, denen das Sozialamt hier Zimmer zugewiesen hat. Ich glaube, das Hauptproblem von Varnsdorf sind 15 Prozent Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven für viele Bewohner.« Auf einen Job zu hoffen, hat sich Verona Dankova verboten: »Bei der Arbeitslosigkeit, als Romni? Hoffnungslos. Nicht, dass ich es nicht weiter versuchen würde. Immer wieder und wieder. Ich habe wirklich gern gearbeitet.« Doch seit den Märschen dürfte es für sie noch schwieriger geworden sein. In der Kleinstadt kennt man sich, aber der Unfrieden wächst. »Am Wochenende marschieren sie vor unserem Haus vorbei, rufen ›Zigeuner ins Gas‹. Am nächsten Tag grüßen sie im Supermarkt, als wäre nichts gewesen. Da sind Kollegen darunter, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe«, brummt Julius Danko.
Seine Tochter hat genug von der Roma-Häme, die selbst mancher Lehrer nicht mehr zu verbergen sucht. Die Teenagerin würde gern nach England auswandern. »Da würde ich in einem Hotel arbeiten, ich meine natürlich, in einem richtigen, schönen Hotel.«
Mittlerweile werden die Kinder ins Haus gerufen und die Türen verbarrikadiert. Der Marsch vom Marktplatz auf das ehemalige Hotel hat begonnen. Studentinnen von »Hass ist keine Lösung« fangen mit ihrem Kinderprogramm im Gebäude an. Aus einer kleinen Stereoanlage wummern die Chartbrecher. Die jüngsten Bewohner vergessen beim Malen den Aufmarsch völlig. Stattdessen malen sich die Mädchen große Justin-Bieber-Plakate. Und die Jungs mehr was Graffitimäßiges. »Muss zu unser Breakdance-Gruppe passen«, erklärt der zwölfjährige Mischa, der Sohn der Dankos.
Draußen marschieren schon die Demonstranten vorbei, schwenken ihre Plakate mit der Aufschrift »Stoppt den schwarzen Rassismus«. Auch das Pärchen im Partnerlook blickt wütend die Hausfassade empor. Keine 300 sind es dieses Mal. Genug aber, dass die Kinder es wieder einmal von einem Schreier hören: »Zigeuner ins Gas.«

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/219356.angst-ist-alltag-fuer-die-roma-in-varnsdorf.html

Kategorien
ROMA

Teilhaben. Noch immer haben viele Roma mit einem Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut zu kämpfen.

Es ist an der Zeit, dass sie selber Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können – auch politisch.

Woran denken wir, wenn wir das Wort „Roma“ hören? Das von den Medien gezeichnete Bild beschreibt ein Volk, das aus den östlichen EU-Staaten gen Norden und Westen zieht, und dort in Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und den Behörden gerät, weil es unter anderem manchmal in illegalen Siedlungen wohnt.
Aber liefern uns diese Schlagzeilen ein vollständiges Bild vom Leben der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma? Natürlich nicht. Der weitaus überwiegende Teil lebt nicht als Migranten in anderen Ländern, Nomaden gibt es heute kaum noch. Roma zu sein bedeutet auch nicht automatisch Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich kenne Lehrer, Ärzte und Professoren, die allesamt Roma sind.
Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung
Trotzdem sind die Roma weiterhin diejenige Bevölkerungsgruppe innerhalb der EU, die insgesamt am meisten diskriminiert wird. Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigt, dass sechzig Prozent der Roma bei der Jobsuche diskriminiert werden. Nur eine kleine Minderheit hat jemals eine weiterführende Schule besucht. Der Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung wird dadurch vorangetrieben: Benachteiligung im Bildungssystem führt zu Arbeitslosigkeit, diese wiederum bedingt mehr Armut. Menschen werden in ghettoähnliche Sozialsiedlungen abgedrängt und haben dadurch weitere Nachteile in Bezug auf Bildung, Arbeit und Gesundheit. Dann beginnt der Kreislauf wieder von vorne …
Ausgrenzung hat aber nicht nur einen Preis für die direkt Betroffenen. Sie führt auch dazu, dass wichtige Qualifikationen und Talente nicht entwickelt werden – letztendlich ist das auch ein wirtschaftlicher Nachteil. Die Roma-Bevölkerung wächst: In zehn Jahren werden zwanzig Prozent der Menschen in manchen osteuropäischen Ländern Roma sein. In einem harten globalen Wettbewerb kann Europa es sich nicht leisten, einen signifikanten Teil der Bevölkerung sozial und wirtschaftlich auszugrenzen.
Doch um diesen Teufelskreis zu brechen, bedarf es einer umfassenden Politik, die gleichermaßen auf Wohnraum, Arbeit, Bildung und Gesundheitsvorsorge abzielt. In vielen Mitgliedstaaten der EU werden zahlreiche verschiedene Integrationsstrategien verfolgt. Doch häufig basiert diese Politik eher auf Mythen und Vorurteilen als auf der Realität. Die verlässliche Datenlage in Bezug auf die Situation der Roma ist erstaunlich dünn. Doch wie wollen Politiker effektive Lösungen finden, wenn sie nicht einmal die genaue Lage vor Ort kennen?
Mit den Roma arbeiten
Im April 2011 hat die Europäische Kommission einen Rahmen für nationale Roma-Integrationsstrategien geschaffen. Das Dokument ist ein wichtiger Schritt hin zu gezielterer und nachhaltiger Politik in den einzelnen Mitgliedstaaten. Die EU hilft durch die Bereitstellung von Geldern und das Monitoring von Fortschritten.
All das kann jedoch nur gelingen, wenn Politik nicht nur für Roma gemacht wird, sondern vielmehr mit den Roma. Sie müssen Einfluss auf die eigene Zukunft bekommen – und Verantwortung dafür übernehmen. Auch das Verhältnis zwischen den Roma und der Bevölkerungsmehrheit kann sich nur dann dauerhaft verbessern, wenn gegenseitige Ängste und Vorurteile abgebaut werden und wir existierende Probleme ehrlich zugeben. Weder dürfen wir unsere Augen verschließen vor Gewalt und Diskrimierung der Roma, noch dürfen wir Diebstahl, Betteln und Menschenhandel mancher Roma ignorieren. Misstrauen kann nur durch offenen Dialog abgebaut werden.
Hat Europa ein „Roma-Problem“? Nein. Aber Europa hat sich der Herausforderung zu stellen, alle Menschen gleichermaßen an unseren Gesellschaften teilhaben zu lassen.

Übersetzung aus dem Englischen.
von Morten Kjærum
http://www.theeuropean.de/morten-kjaerum/9773-roma-in-europa-3
23.02.2012

Kategorien
ROMA

VORURTEILE GEGEN ROMA

Die zweite Seite der Medaille

Es ist egal, ob wir Roma gebildet sind. Deutsche Juden waren hoch gebildet, vor dem Holocaust hat sie das trotzdem nicht gerettet. Roma sind zur gleichen Zeit kaum zur Schule gegangen. Dennoch sind sie in den gleichen Konzentrationslagern gelandet.

Von Valeriu Nicolae

Solange die Roma massiven Vorurteilen ausgesetzt sind, hat Bildung nur die Assimilation an die vorherrschende Kultur zum Ziel. Noch immer haben Roma allen Grund, ihre Herkunft im Lebenslauf zu verschweigen. Für die meisten Menschen ist „Roma“ weiterhin synonym mit „genetisch bedingten Kriminellen“. Vielleicht würden Bildungsinitiativen eher der Bevölkerungsmehrheit zugutekommen – Bildung als Waffe gegen rassenbasierten Nationalismus, gegen Kolonialismus, gegen Sklaverei und die Ausbeutung, auf der ein Großteil des Reichtums in Europa und Nordamerika basiert. Solche Programme hätten sicherlich eine größere Wirkung als Bildungsprogramme nur für Roma Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement.
Es gibt keine magische Lösung, mit der sich die Integration der Roma vorantreiben ließe. Noch immer sind sie eine der am meisten gehassten ethnischen Gruppen in Europa, obwohl seit mittlerweile zwei Jahrzehnten die Notwendigkeit von Integration betont wird. Die bisherigen Vorstöße waren zum Großteil voreilig, billig und hauptsächlich als PR-Maßnahmen konzipiert. Sie waren Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement. Ich kenne kein einziges Programm, das auf Basis von Experten-Empfehlungen erarbeitet worden wäre und die Belange der Roma ins Zentrum stellt. Solche Programme müssten langfristig konzipiert werden, sie wären teuer und würden von kompetenten Kräften vor Ort umgesetzt werden. Das Ausbleiben der Resultate ist daher wenig überraschend. Was anders wäre von Vorschlägen zu erwarten, die von wohlmeinenden Menschen ohne relevantes Wissen erarbeitet werden?
Die EU-Kommission ist die wichtigste Institution, die sich um die Belange der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma kümmert. Doch auch hier herrscht ein Mangel an Expertise. Die verantwortliche Kommissarin Viviane Reding kommt aus dem einzigen EU-Staat ohne Roma: aus Luxemburg. Sie ist unerfahren, und ihr Beraterstab ist es auch. Leider ist dieser Zustand die Norm in vielen internationalen und nationalen Organisationen, die sich mit der Roma-Frage beschäftigen. Bis heute ist kein einziger Rom oder Roma-Experte in eine entsprechende Führungsposition befördert worden. Die Arbeitsweise der EU-Kommission kann man eigentlich nur als idiotisch bezeichnen: Beförderungen erfolgen generell ohne Rücksicht auf relevante Erfahrungen. Wenn die Bürokraten sich nach drei bis fünf Jahren tiefer in das Thema eingearbeitet haben, werden sie routinemäßig weiterversetzt und haben im Normalfall nichts mehr mit der Roma-Frage zu tun.
Die Ausrede, dass es keine passenden Kandidaten gebe, hält der Überprüfung nicht stand. Es gibt in Europa tausende Wissenschaftler, die sich in ihren Dissertationen mit Roma-Themen auseinandergesetzt haben; und zehntausende Experten mit Universitätsabschlüssen, die jahrelang Erfahrung in Roma-Gemeinden gesammelt haben. Viele davon sind selbst Roma.
Alle Bilder sind falsch. Ein weiteres Problem ist, dass Roma von der Gesellschaft oftmals extrem schwarz-weiß wahrgenommen werden. Entweder werden Roma als ausgenutzte Heilige porträtiert oder als genetisch bedingt kriminell diffamiert. Beide Bilder sind falsch. Solange wir Roma den Integrationsprozess nicht selber in die Hand nehmen, Ressourcen investieren und Verantwortung übernehmen, wird sich an dieser Situation nichts ändern.
Roma-Aktivisten müssen offen über Probleme sprechen: über Kinder, die zum Betteln oder zur Prostitution gezwungen wurden, über Wucher und häusliche Gewalt. Es muss zweifelsfrei deutlich werden, dass Kriminalität unter keinen Umständen akzeptabel ist und keinen Teil des Roma-Lebenswandels darstellt. Diskriminierung ist keine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten: weder für Verletzung von Menschenrechten durch Roma noch für eine Verweigerungshaltung in Bezug auf die Kosten der Integrationspolitik. Denn Bildung, soziale Teilhabe und aktives politisches Engagement kosten Geld und Zeit. Wenn Roma und Nicht-Roma gemeinsam vorankommen wollen, führt an diesen Investitionen kein Weg vorbei.

(Valeriu Nicolae, derStandard.at, 16.2.2012)

Autor
Valeriu Nicolae, The European, leitet das von ihm mitgegründete Policy Center for Roma and Minorities in Rumänien. Er berät verschiedene Menschenrechtsorganisationen zur Roma-Frage und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit in Bukarest. Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt.