Doron Rabinovici – An den Bürgermeister in Kirchstetten

                                                                     Samstag, 8. August 15

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horsak,

ich las eben den Brief, den Sie an Marika Schmiedt richteten. Marika Schmiedt arbeitet seit Jahren konsequent an einer Kunst, die sich der Erinnerung widmet.
Was Sie, Herr Bürgermeister, in Ihrem Brief an Marika Schmiedt anführen, um ihr Gedenkprojekt zurückzuweisen, überrascht, weil es Ihre Entscheidung in eben jenes Zwielicht rückt, gegen das jene Kunstarbeiten wirken wollen, die gegen das Vergessen ankämpfen.
Gerade, wenn es wahr sein sollte, dass, wie Sie schreiben, die Mehrheit der Bevölkerung in Ihrer Gemeinde meint, „Erinnerung ja, aber es muss auch einmal Schluss sein mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung“, wird klar, wie wichtig es wäre, die Bedeutung aufrichtiger Erinnerung hervorstreichen. Die Menschen in Kirchstetten, schreiben Sie, würden zu 95 % aus Folgegenerationen bestehen, womit Sie die Verantwortung dieser Nachkommen für die mörderische Geschichte abtun, doch diese Verantwortung beweist sich an dem gegenwärtigen Umgang mit dem, was geschah. Wer, was damals verbrochen wurde, ruhen lassen will, verstößt und verbannt die Roma und Sinti, die einst hier lebten, ein weiteres Mal. Wer sie nicht als Opfer würdigt, setzt ihre Auslöschung fort.
Es mag schon sein, dass Ihnen Zeitzeugen berichteten, die heimische Bevölkerung wäre mit den Roma und Sinti gut ausgekommen, doch eben jener Teil der heimischen Bevölkerung, der ermordet wurde, kann dazu nichts mehr sagen.

Allein die Tatsache, nach siebzig Jahren noch immer nichts getan zu haben, um derer zu gedenken, die einst in Ihrem schönen Kirchstetten lebten, beweist, wie wichtig es wäre, das Gedenkprojekt zu verwirklichen. Aber wie merkwürdig klingt es, wenn Sie sich „strikt gegen die Titulierung ‚dunkles Kapitel der Ortsgeschichte’, oder ‚die besondere Rolle, die Kirchstetten bei der Umsetzung des Nationalsozialismus, sowie der maßgeblichen Beteiligung am Holocaust der Roma spielte’, verwahren“.
War das Kapitel denn nicht ein dunkles? Gehört es etwa nicht zur Ortsgeschichte?
Noch kruder Ihre Worte: „Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa war Ort solcher Gräueltaten und es waren viel zu viele daran beteiligt.“
Glauben Sie tatsächlich, die Städte in Italien, in Frankreich, in Dänemark, in Griechenland, in Bulgarien, in England waren ähnlich an diesen Massenmorden beteiligt wie jene innerhalb des sogenannten Deutschen Reichs? Die Mär vom unschuldigen Österreich ist längst nicht mehr der offizielle Mythos der Republik.
Seit Franz Vranitzky die Verantwortung vieler Österreicher hervorstrich, sollte klargestellt sein, was Österreich von vielen anderen Ländern in Europa unterscheidet.

Dennoch möchte ich an Ihrem Satz auf andere Weise anknüpfen: Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa stellt sich den Gräueltaten, die dort begangen wurden, und erinnert an jene, die daran beteiligt waren. Das wird getan, um einer europäischen Zukunft entgegenzugehen, die dem Massenmord eingedenk ist und die dem Rassismus und dem Genozid eine klare Absage erteilt.

Wann wird Kirchstetten bereit sein, diesen zivilisatorischen Mindeststandards genüge zu tun und an ihre ermordeten Bürger zu erinnern?

Wann wird Kirchstetten imstande sein, Josef Weinheber in seiner Zwiespältigkeit wahrzunehmen? Es geht nicht darum, die Erinnerung an den Dichter Weinheber auszublenden, doch es ist nur möglich, von seiner Lyrik zu reden, wenn nicht unerwähnt bleibt, wie er bereits 1931 der NSDAP beitrat, wie er antisemitische Hetze betrieb, die Verbrecher verherrlichte und noch 1944 von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen wurde. In Kirchstetten lebte Weinheber erst seit 1936, mithin in der zwielichtigsten Zeit seines Lebens. In Kirchstetten beging Weinheber 1945 angesichts der Niederlage des „Dritten Reiches“ Selbstmord, weil er wusste, welche Schuld er auf sich geladen hatte. Es gibt gute Gründe, Weinheber zu lesen und nicht alle seine Werke abzutun. Aber wie grotesk ist es, ihm nicht bloß eine Brücke und eine Straße zu widmen, zudem ihn in einem Museum zu verherrlichen, sondern zudem noch einen Kindergarten nach ihm zu benennen, als wäre dieser Mann samt seiner blutigen Ideologie, seiner Todessehnsucht und seiner Mordverklärung ein passender Pate für einen Kindergarten, ein gutes Leitbild für Kleinkinder, ein hehres Idol für zukünftige Generationen? Dieser „Josef-Weinheber-Kindergarten“ betont auf seiner Website: „Kinder müssen Gewaltfreiheit erleben: Der Kindergarten ist ein Ort für angstfreie Entwicklung“, und: „Kinder brauchen Mitspracherecht und gemeinsam abgesprochene Regeln: Der Kindergarten ist ein Ort erfahrbarer Demokratie“.
Wie kann just so einem Propagandisten des „Dritten Reiches“ ein Kindergarten gewidmet sein? Im Übrigen möchte ich beinah fragen, ob ein katholisches Land wie Niederösterreich einen Selbstmörder auch dann als Schutzpatron für eine Kinderstätte dulden würde, wenn er kein Nazi gewesen wäre. Aber ich will lieber annehmen, Weinheber sei nicht wegen, sondern trotz seiner politischen Verstrickung zum Namensvetter des Kindergartens erhoben worden. Aber das wäre schlimm genug! Wurde, wie ich der Webseite Ihrer Gemeinde entnehme, dieser Kindergarten etwa wirklich erst 2009 eröffnet? Handelt es sich also nicht um eine überkommene Ignoranz aus der frühen Nachkriegszeit? Es ist kaum zu glauben: Vor sechs Jahren, als die Republik längst begonnen hatte, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, tat Kirchstetten, als sei Weinheber ein guter Schutzherr für moderne Kindererziehung.

Noch einmal: Es war Ihr Brief, sehr geehrter Herr Bürgermeister, der mich vor allem empörte. Nun kann es jedem passieren, in einem Schreiben einen falschen Ton zu treffen. Ich kenne Sie nicht und will nicht vorschnell urteilen. Andere, die sich an Sie wandten, appellierten zu Recht an Sie, Ihre Entscheidung gegen das Gedenkprojekt zu überdenken. Ich schließe mich dieser Forderung an, doch möchte ich Sie in diesem Zusammenhang auf einen Umstand hinweisen: Mehr als Marika Schmiedt es mit ihrer Arbeit je gekonnt hätte, sind Sie es, der mit Ihrem Brief dafür sorgte, dass nicht „Schluss sein muss mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung“ und auch nicht Schluss damit sein kann. Durch ihre Reaktion wurde erst ruchbar, welche Gesinnung in Kirchstetten herrscht. Sie können daran nichts mehr ändern, denn je länger die Absurdität fortdauert, in einem Ort der Republik nicht des Massenmords an Roma und Sinti gedenken zu wollen, doch gleichzeitig einen Kindergarten nach Weinheber zu benennen und ihn mit einem Museum zu verherrlichen, um so klarer wird erkennbar sein, wie sehr eine Gemeinde darin versagt, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Noch einmal: Nicht Marika Schmiedt, Sie waren es, dem wir diesen schärferen Blick auf Kirchstetten verdanken. Ihnen obliegt es jetzt nur noch, zu entscheiden, ob Kirchstetten zu einem Sinnbild heimischer Geschichtsleugnung wird oder zu einem Markstein politischer Aufklärung und fortwährender Läuterung. Wenn Sie Ihre Ablehnung überdenken, könnte Kirchstetten das werden, was der Kindergarten zu sein anstrebt: ein Ort erfahrbarer Demokratie.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Doron Rabinovici

Regarding Marika Schmiedt’s request for permission of showing her art installation in Kirchstetten

Buffalo, August 6, 2015

Dear Mayor Paul Horsak,

I was just informed that you have denied artist Marika Schmiedt the permission to exhibit her temporary art installation, “Futschikato – Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der “Fall Weinheber““ in your city. It is with great dismay that I read your letter to Schmiedt, especially your reasoning:

„Erinnerung ja, aber es muss auch einmal Schluss sein mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung.“

What do you exactly mean when you write: “remembering yes, but there has to be an end to processing and confronting the past”? What kind of memory making of the murder and deportation of Roma and Sinti do you think is adequate? And why do you presume we should put a stop to processing and confronting this history? Lastly, and perhaps most importantly, why do you feel entitled to make such a decision on behalf of your community, and in extension, on behalf of Kirchstetten’s history?

It worries me greatly that as a leader of this Kirchstetten community, you are not supporting an artist’s engagement with the history of National Socialism in the region, especially the discrimination and murder of Roma and Sinti. While it is reasonable to fear that such critical engagement is uncomfortable and conceivably difficult to face, the erasure of that past has catastrophic consequences. As is well known, Roma and Sinti are still the most persecuted and discriminated minority in Europe. Your city has the extraordinary opportunity, if not responsibility, to confront its own past, and to do so in a way that faces even the most humiliating truths, such as the Nazi past of a celebrated poet in town, Josef Weinheber.

I would also like to note that Marika Schmiedt is one of the most important artists in Europe who deals with the history of the Roma holocaust, and whose work has been exhibited widely, including being featured in the prestigious Venice Biennial in 2011. Her work was also included in “Roma Protokoll,” an exhibition in 2011 curated by Suzana Milevska, the recipient of the 2012 Igor Zabel Award for Culture and Theory. In response to Schmiedt’s work, distinguished literary critic and theorist Gayatri Chakravorty Spivak noted that:

“Marika [Schmiedt] has made the subaltern speak, in a certain way for sure, through representation, but much more forcefully. If the subaltern is the group that cannot achieve the state – Antonio Gramsci’s classic definition – the Roma Holocaust didn’t even make it into Hannah Arendt’s insistence that the banality of evil springs from the premises of the state. The Roma Holocaust is not allowed into this widely accepted generalization. That is subalternity, not just not achieving the state, but not even achieving the record of the banality of the evil state.”

Spivak’s words speak volumes here, but most significantly, they comment on Schmiedt’s resistance to accepting the erasure of this history of violence, which has marked many families in your own community. Trauma theorist and historian Dominick LaCapra has suggested that art is a cultural form that “may even be a means of bearing witness to, enacting, and, to some extend, working over and through trauma whether personally experienced, transmitted from inmates or sensed in a larger social and cultural setting.” Even though you speak of the young generation, which you note is not responsible for the atrocities that happened more than seven decades ago, I must disagree with the implication that these generations do not need to learn about this past in a way that is confrontational and that directly involves the urgent problems of our contemporary moment. Europe as a whole still has to confront much of its violent history, especially in regard to Roma and Sinti, and the devastating conditions under which many Roma and Sinti live today. Marika Schmiedt’s installation has the potential of bearing witness to these atrocities and bringing some form of healing to your community and beyond, even if it involves facing painful truths.

I hope that you will reconsider your decision and grant Marika Schmiedt the permission to exhibit this installation in Kirchstetten.

Sincerely,

Dr. Jasmina Tumbas

Assistant Professor
Department of Art
University at Buffalo