Reproduktion rassistischer Sprache „Antiziganismus“

Woher kommt eigentlich die Überzeugung, dass der „Antiziganismus“-Begriff wissenschaftlich fundiert wäre? Er wird vielleicht von Einzelnen mit akademischem Anspruch verwendet, aber schon die Frage, wie der Begriff von den Intentionen des vermutlichen Wortschöpfers Bernhard Streck zu trennen ist, findet keine befriedigende Antwort. Streck ging es mit dem Begriff darum, die rassistische Verfolgung von Sinti und Roma durch die Nazis zu verneinen. So wie er die Nichtexistenz eines „Antsiganismus“ postulierte, wird nunmehr dessen Existenz als ein Europa einendes Phänomen postuliert.
Als Instrumente dafür finden sprachliche Feindiagnosen Anwendung.
Der Gehalt der vermeintlich akademischen Analysen ist oft doch eher Blendwerk und fern der gesellschaftlichen sowie historischen Realitäten. Unabhängig davon sollte allein die willkommene Übernahme des Begriffs in Politik und Medien nachdenklich stimmen.
Antiziganismus

France: Document urges Paris police to „cleanse“ city of Roma

An internal document evidently issued by City Hall in Paris to police stations in the wealthy neighborhoods of the capital has been leaked to the public.
In the edict, City Hall urges police officers to count the number of Romani people in their areas and to „systematically displace“ them from the streets.

News server iDNES.cz reports that a wave of criticism has arisen in the French capital in response to the news. French daily Le Parisien reprinted the document on Tuesday, which was leaked from a police station in the 6th precinct.
The authors of the internal communication exhort police officers to „cleanse“ the wealthy quarter of Romani people, their children and animals. Le Parisien points out that the report evidently came directly from police headquarters.
„It directs workers in the 6th district with immediate effect and until further notice to seek out Roma families living on the street during the day and at night and to systematically displace them,“ iDNES.cz cites Le Parisien as reporting. The police document has sparked significant criticism.
„Ordering the counting of Romani people so they can be expelled just shifts the problem elsewhere,“ said charity worker Evangéline Masson of the Catholic organization Secours Catholique. She said she was shocked by the report, which she believes stigmatizes the impoverished.
Some police officers are also against the edict. „This is aggressive, and what’s more, it’s illegal. This stupid, unacceptable order stigmatizes an entire group. By what right do they want to expel them from the streets?“ an unidentified, highly-placed police officer was quoted as saying by news server Local.fr.
News server iDNES.cz reports the unidentified officer as saying he believes the directive has no basis in law. Jean-Pierre Lecoq, mayor of the 6th precinct, is defending it.
„I am shocked to see Romani families with young children in the streets. This is neither humanly nor socially acceptable,“ the mayor, who is a member of the conservative UMP party of former French President Nicolas Sarkozy, was quoted as saying by iDNES.cz.
Lecoq said he believes the number of Romani people in the area has significantly grown recently. „The number of families has tripled and that is a real problem,“ he said.
The mayor neglected to add that one of the main reasons for the higher number of Romani people in his quarter is that they have been expelled from neighboring ones, mainly from the 11th. News server iDNES.cz reports that even though police officers are frequently aware that such a reshuffle will not solve the problem with these people, the French media have reported that members of the police are forced to obey such orders because the police command is often under the strong influence of politicians.
France’s harsh procedures against Romani people and against immigrants in general is not big news. Immigration laws there are tough and have been amended several times during the past decade.
Thousands of Romani families from Bulgaria and Romania head to France year after year, only to be deported by French politicians once more. Sarkozy’s administration deported around 15 000 Romani people back to Bulgaria and Romania annually.
An edict to demolish illegal campsites was never overturned by the Socialists when they took power in France two years ago. The French authorities deported a record 20 000 Romani people last year.
http://www.romea.cz/

„Neger kann man genauso verwenden wie Zigeuner“

Andreas Mölzer

Mölzer: „Neger ist ein normales deutsches Wort“

Man könne den Begriff wie das Wort „Zigeuner“ verwenden, sagt der FPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl in der ZiB2.

Andreas Mölzer, FPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl, hat am Dienstagabend in der „ZiB2“ betont, dass er nach seinen umstrittenen Aussagen nicht an Rücktritt denke.
Er habe sich entschuldigt, und er gebe gerne auch zu, dass er „ein provokanter Diskutant“ sei, sagte er im Gespräch mit Armin Wolf.
Doch „das, was ich da gesagt habe“, werde ihn „sicher nicht dazu bewegen“, den ersten Listenplatz zurückzulegen.

Allerdings „werde ich mich davor hüten“, künftig einen Vergleich zwischen Europäischer Union und Drittem Reich zu ziehen, sagte Mölzer auf Nachfrage.
Er werde aber weiterhin darauf hinweisen, dass die EU dramatisch überreguliert sei und dass das ein Problem für die Bürger sei.

„Neger kann man genauso verwenden wie Zigeuner“

Zurückhaltung in der Wortwahl bzw. „political correctness“ (so Mölzer) ist aber von ihm auch künftig wohl nicht zu erwarten.
Der heftig kritisierte Sager vom „Negerkonglomerat“ sei jedoch verfehlt gewesen. Er habe eine Formulierung gewählt, die auch ihm im Nachhinein „absolut unpassend“ erscheint.

Doch er stellte auch klar: „Das Wort Neger als solches ist ein normales deutsches Wort, das weder eine Wertung noch sonst etwas beinhaltet.
Das kann man verwenden, genauso wie das Wort Zigeuner“, sagte er. Nach den Geboten der „political correctness“ sei es aber natürlich verabscheuungswürdig.
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/1580035/Molzer_Neger-ist-ein-normales-deutsches-Wort
http://diepresse.com/home/politik/eu/1579869/Andreas-Molzers-volkischer-Ruckfall-in-satirischem-Rahmen

Mölzers Hetze gegen Roma: https://marikaschmiedt.wordpress.com/2014/02/07/steuergelder-fur-rechte-hetze-zur-zeit-erhielt-in-den-jahren-2011-2013-eur-148-12760-an-presseforderung/

Wie ein rechtsextremer Bürgermeister Ungarn verändert

Das Modell von Érpatak

Mihály Zoltán Orosz, Bürgermeister

Érpatak, ein winziges Dorf im äußersten Nordosten Ungarns, plattes Land, keine Sehenswürdigkeiten, war bis 2005 ziemlich bedeutungslos, bis Mihály Zoltán Orosz zum Bürgermeister gewählt wurde, ein bekennender Rechtsextremer, Ordnungsfanatiker, Antisemit und Romahasser. Er führte im Dorf das „Modell von Érpatak“ ein und etablierte es als verbindliches Wertemodell, dessen Regeln lauten: Ordnung, Arbeits- und Gemeinschaftssinn, nationale Brauchtumspflege. Wer die Regeln einhält, gehört zu den „Erbauern“, alle anderen sind „Zerstörer“, ihnen droht Ausgrenzung, sogar Vertreibung aus dem Dorf. Mit dem Modell hat der Bürgermeister seither in Ungarn Geschichte gemacht: Viele Gemeinden setzen es als Instrument zur Disziplinierung vor allem von Roma ein.
Auch die Regierung von Viktor Orbán ließ sich davon inspirieren, als sie die gesetzliche Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger einführte. Das Dorf wurde zu einem Ausgangspunkt für Ungarns autoritär-nationalistische Wende.
Hören!!! http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/feature/

Zwangsarbeit für Roma in Ungarn

„ES BLEIBT KEINE ZEIT MEHR!“

„Es bleibt keine Zeit mehr!“

Künstlerin und Roma-Aktivistin Marika Schmiedt im MALMOE-Interview

Im April 2013 wurde ihre Plakatausstellung „Die Gedanken sind frei – Angst ist Alltag für Roma in EUropa“ in Linz von Polizei und Ungarn-Nationalist*innen beschädigt und entfernt. Auf einer der Grafiken, ist eine Salami aus „100% Hungarian Roma“ mit dem Bild des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban zu sehen. Inzwischen wurde die Ausstellung im Alten Rathaus in Linz unter Polizeischutz wiedereröffnet.

MALMOE: Wie ist es dazu gekommen, dass im Oktober diesen Jahres Deine Plakate erneut gezeigt wurden?

Marika Schmiedt: Bei der ersten Ausstellung in der Linzer Innenstadt hat die Polizei zusammen mit Ungarn-Nationalist*innen meine Plakate entfernt und zerstört. Dass die Ausstellung dann im Oktober ein zweites Mal und zwar unter Polizeischutz stattgefunden hat, war ein wichtiges Statement der Stadt Linz. Die Neuinstallation der Ausstellung war aber nur aus dem Grund möglich, weil sich der Europaabgeordnete Josef Weidenholzer dafür eingesetzt hat. Wenn er und auch der damalige Bürgermeister Franz Dobusch sich nicht auf diese Weise positioniert hätten, hätte es die Wiedereröffnung nicht gegeben.

Dass eine solche Ausstellung in Linz, in Österreich, unter Polizeischutz stattfinden muss, da fehlen mir die Worte. Da sieht man, wie weit die Verdummung schon fortgeschritten ist.

War die Debatte um deine Ausstellung und ihre Zerstörung auch ein Moment, in dem eine gewisse Normalität von Rassismus gegen Sinti und Roma in Österreich sichtbar geworden ist?

Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Für mich war das auch schon vorher klar.

Überraschend war für mich nur, dass die Proteste so massiv waren. Und was ich außerdem nicht wusste, war, wie gut diese Ungarn-Nationalen hier in Österreich organisiert sind. Aber was Österreich anlangt: Bis 2011 hat in der Gedenkstätte in Auschwitz noch immer die Tafel gehangen mit „1938 – Österreich war erstes Opfer“ und wir haben jetzt 2013 und jetzt erst wird der Österreich-Raum neu gestaltet.

Und diese Nichtaufarbeitung der Geschichte spiegelt sich halt in allem wieder.

Meine Arbeit hat international zum Beispiel viel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung als hier. Ich habe auch darüber nachgedacht, warum es gerade die Plakate sind, die so heftige Reaktionen auslösen. Anders als viele andere Sachen, die ich gemacht habe, wie zum Beispiel meine Filme. Die schaut man sich halt an und entweder es berührt einen oder nicht und schaltet dann ab oder wie auch immer. Aber die Grafiken lösen beim Betrachten etwas aus, und dem kann man sich schwer entziehen. Das ist der Unterschied zu meinen anderen Arbeiten. Ich selbst bin sehr überzeugt davon, was ich tue. Das ist total wichtig.

Wie schätzt Du die derzeitigen Versuche politischer Selbstorganisierung von Roma gegen Rassismus in Österreich ein? In diesem Jahr fand ja die erste „Roma Pride“ statt, bei der auch Plakate Deiner Ausstellung gezeigt wurden.

Sehr bezeichnend für die Situation in Österreich ist, dass die „Roma Pride“ heuer zum ersten Mal organisiert wurde. Sehr spät, in Anbetracht der unhaltbaren Zustände. Auch wenn man bedenkt, dass sie in vielen anderen Ländern schon seit einigen Jahren stattfindet.

Ich sehe das so, dass die Diskurse erst jetzt beginnen. Aber es bleibt keine Zeit mehr. Es ist viel zu wenig und viel zu wenig politisch. Viel zu unreflektiert und irgendwie auch traurig. Es sind ja zum Teil große Organisationen, wie SOS Mitmensch, die die „Roma Pride“ organisiert und auch unterstützt haben. Und dann kommen da 40 Leute und erst als die Musik angefangen hat zu spielen sind es dann mehr geworden. Ich glaube, die Forderungen müssen endlich anders lauten als „Respekt für Roma“.

Die Refugee-Protest-Bewegung ist auch ein Beispiel dafür. Es geht letztlich zu Lasten der Betroffenen, wenn man Plakate macht mit den Betroffenen drauf, und dann steht da „Ich möchte bleiben“. Da braucht es einfach was anderes. Das sind oft so Goodwill-Aktionen, die dann voll danebengehen.

Was ist es Deiner Meinung nach, was eine erfolgreiche politische Bewegung von Roma in Österreich bisher verhindert hat?

Das hat wieder mit der Geschichte zu tun. Das darf man nicht vergessen, die Zerstörung der Familienstrukturen etc. Vor allem sind die meisten nicht politisiert und nur mit dem Kampf um die eigene Existenz beschäftigt. Da ist nicht viel Platz für Bewusstsein. Zum Teil wird das Problem einfach ignoriert. Die Leute wollen es nicht glauben, wollen es nicht sehen.

Exemplarisch für die Schwächen der Roma-Bewegung in Österreich ist auch, dass der Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Roma, Rudolf Sarközi, durch untragbare Aussagen im Interview bei „FPÖ TV“ mit einer rechten Partei sympathisiert und in „Zur Zeit“, einer rechtspopulistischen Zeitschrift, in zwei rassistischen Sonderausgaben zum Thema „Zigeuner“ jeweils ein Interview gegeben hat.

In der derzeitigen Debatte um rassistische Sprache wird nicht nur das Wort „Zigeuner“ als rassistisch kritisiert. Auch die Bezeichnung „Antiziganismus“ als Bezeichnung für Rassismus gegen Roma, Sinti, Jenische und andere Menschengruppen ist davon abgeleitet.

Die Verwendung des Begriffs Antiziganismus geht mir schon ziemlich auf die Nerven. Da gibt es Bewegungen, die gleichzeitig sagen: „Zigeuner“ weg aus dem Sprachgebrauch, aber „Antiziganismus“ ist dann ok. Das finde ich total absurd.

Und wer spricht überhaupt in der Antiziganismus-Forschung? Das sind ausschließlich Nicht-Roma. Also ich bin gegen „Zigeuner“ und gegen den Begriff „Antiziganismus“.

Wie siehst Du die Berichterstattung in österreichischen Medien über Gewalt gegen Roma in Ungarn und anderen Ländern?

Darüber wird meiner Meinung nach viel zu wenig und deutlich zeitverzögert berichtet. Wenn ich über die Diskriminierung von Roma in Ungarn oder anderen Ländern lese, lese ich es zwei Wochen später erst in Österreich, wenn überhaupt.

Allein die Tatsache ist entsetzlich, dass ich mich nicht mehr traue nach Ungarn zu fahren, weil ich einfach Angst habe, und ich bin grundsätzliche kein ängstlicher Mensch. Ungarn ist nur 80 Kilometer von Wien entfernt. Im Internet gibt es zum Beispiel sehr viele rechtsextreme Plattformen, wo gegen meine Plakate und mich gehetzt wird.

Meine Plakate beziehen sich ausschließlich auf die Verhältnisse in Europa, auf Sachen, die passieren oder passiert sind. Die Reaktionen auf die Plakate statt auf die Verhältnisse sind dann so heftig. Das ist völlig verdreht.

Anmerkung
„Die Gedanken sind frei“ Angst ist Alltag für Roma in EUropa
Bild-/Textband 80 Seiten, Deutsch/Englisch.
Bestellung per Mail an: marika.schmiedt[AT]chello.at

online seit 20.01.2014 09:17:08 (Printausgabe 65)
autorIn und feedback : Interview: kw

mölzer und sarközi

Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma, Rudolf Sarközi sympathisiert mit FPÖ